Social Heisenberg – warum Twitter nicht für politische Diskussionen geeignet ist

Twitter ist eine wunderbare Sache, privat, beruflich und medial. Ich habe meine Frau dort kennengelernt und jede Menge Leute, die ich gern habe, ohne sie je live gesehen zu haben. Seit über 10 Jahren finde ich via Twitter Links zu den besten Artikeln fast aller Themenbereiche, die mich beruflich interessieren. Und Twitter ist ungeschlagen, um sich zum aktuellen Weltgeschehen in Echtzeit einen Überblick zu verschaffen, wenn man weiß, wie die dortigen Informationen eingeordnet werden müssen.

Leute, die mit der Komplexität und den Ambivalenzen der Welt nicht zurecht kommen, werden kaum verstehen, dass Twitter aber gleichzeitig ein hasserfüllter Ort sein kann. Oder dass Twitter für politische Diskussionen in vielen Fällen etwa so geeignet ist wie das Display einer Mikrowelle für 4K-Kinofilme. Für den letzten Punkt ist am 27. Dezember 2018 ein großartiges Beispiel in der deutschen Twitterlandschaft bekannt geworden.

Es handelt sich um den Tweet eines Mannes namens Nico Lange, der unter @nicolangecdu twittert. Politisch clever gewählt, so wird schon über den Twitter-Namen die konservative Selbstverortung deutlich. Plakativität ist in sozialen Medien ein unterschätzter Wert, die Social-Media-Kunst besteht aus der Balance der Plakativität, zwischen uncharmanter Plattheit auf der einen und unzulässiger, weil unwahrer Überspitzung auf der anderen Seite.

Der Tweet von Nico Lange könnte simpler kaum sein, und trotzdem hat er jede Menge Empörung von linken, linksliberalen und grünen Stimmen verursacht. Und ebenso jede Menge Auftrumpfen und vor allem Gegenempörung von konservativen, reaktionären und rechten Stimmen. Außerhalb von Twitter mag das geradezu verstörend wirken, denn das hier ist der Anlass:

 

 

Das Stichwort „#nurmalso“ war in der Folge zeitweise unter den meistverwendeten Begriffen in deutscher Sprache auf Twitter (Trending Topics), und ich nehme das große Getöse um diesen Tweet als Anlass, um die Untauglichkeit von Twitter zu sinnvollen, politischen Diskussionen (in den meisten, wenn auch nicht allen Fällen) am lebenden Beispiel zu erläutern. Dazu verwende ich die auktoriale Technik des „Hineinversetzens in Menschen“, eine genialische Entwicklung, mit der man einen Text aus Sicht von Leuten mit anderen Meinungen schreiben kann! Auf diese Weise betrachte ich Nico Langes Tweet einmal aus konservativer und einmal aus linker, grüner Perspektive.

 

Aus konservativer Sicht:

Moment, jetzt mal ehrlich, über diese absolute Harmlosigkeit regt sich überhaupt jemand auf? Wo leben die bitte? Es gab sogar Leute, die Faschismus unterstellt haben, meine Güte! Okay, Übergeschnappte gibt es auf Twitter mehr als genug, aber auch einigermaßen normale Linke, sogar Prominente, haben Spott, Häme und bittere Ablehnung über Lange ausgegossen. Dabei sagt er bloß die Wahrheit!

Es gibt in Deutschland laut statistischem Bundesamt derzeit 46 Millionen Automobile, das bedeutet: „Ich fahre Auto“ ist ungefähr der zweitnormalste Satz, den ein Bundesbürger sagen kann, direkt nach „ich atme“. Was für eine Arroganz, sich wegen eines solchen Satzes aufzuregen, da sprechen doch die Gutsituierten, die sich leisten können, auf’s Auto zu verzichten, weil sie in der teuren Innenstadt wohnen und im Zweifel eben Taxi fahren. 

„Ich esse Fleisch“ ist mindestens ebenso alltäglich, ein deutscher Mann isst im Durchschnitt rund 100 Kilogramm Fleisch im Jahr. Aber auf Twitter tun hunderte Leute so, als hätte man persönlich den Klimawandel angeordnet. Dabei steht noch nicht mal da, wieviel Fleisch, könnte auch Bio sein, und jetzt wollen da irgendwelche Linken der gesamten Welt ihren regionalen, saisonalen, veganen Lebenswandel aufzwingen? Fleisch ist Kulturgut, in Deutschland wie überall auf der Welt, es ist doch Irrsinn, das alles zu skandalisieren und gleichzeitig drei Mal im Jahr nach Nepal zu fliegen zu diesem einen tollen Hatha-Yoga-Guru. Wie Elfenbeinturm kann man sein?

Und erst Feuerwerk! Einmal im Jahr hat man ein bisschen Spaß, zündet mit den Kindern in der Sackgasse ein paar Pfennigschwärmer an und schaut sich Mitternacht das wunderschöne Farbenschauspiel am Himmel an. Und da flippen die Linken aus? Sind die völlig bekloppt? Jede Wette, wenn da nicht „CDU“ stehen würde im Twitter-Namen, hätte der Tweet niemanden interessiert.

 

Aus linker Sicht:

Es beginnt damit, dass Nico Lange nicht irgendjemand ist, sondern ein wichtiger politischer Berater der neuen Parteichefin der CDU, Annegret Kramp-Karrenbauer. Auch wenn man das nicht weiß, dann zeigt das „CDU“ im Namen, dass hier ein politisch interessierter Mensch spricht, und die ungewohnte Abwesenheit von Rechtschreibfehlern offenbart eine gewisse Bildung. Man kann deshalb davon ausgehen, dass Lange weiß, was er tut.

In jedem Fall steht dieser Tweet nicht für sich allein. Er ist eindeutig Teil von drei im Moment hitzig geführten Debatten, nämlich der um die Zukunft der Mobilität, die Zukunft der Ernährung und die Silvesterböllerei, und alle drei haben mit dem Überthema Klimawandel und deshalb mit der Zukunft der ganzen Welt zu tun.

Es wird immer offensichtlicher, dass Autos zwar den wirtschaftlichen Wohlstand Deutschlands maßgeblich mitbegründet haben – aber dass wir dafür einen hohen Preis zahlen und sich deshalb grundsätzlich etwas ändern muss. Zwischen Dieselbetrug der Automobilindustrie, Klimawandel und Fahrverboten spüren die meisten Leute, dass Handlungsbedarf besteht, gerade von der Politik. Nichtstun ist keine Option, aber Lange tut ganz dreist genau so, als müsse man nichts verändern.

Mit dem Fleischkonsum verhält es sich ganz ähnlich. Fleisch ist vom Wasser- und Energie-Verbrauch über die genutzte Fläche und das Tierleid bis zu den schädlichen Gasen mehr oder weniger das unnachhaltigste Nahrungsmittel. Wer Fleisch isst, tut das letztlich zum Schaden kommender Generationen, das ahnt Nico Lange, deshalb will er mit dem Tweet nichts als provozieren. Und wenn er auch noch stolz drauf ist, offenbart er eine unangenehme Sorte von „Sündenstolz„!

In der Debatte um Silvester schließlich geht es nicht um schönes Feuerwerk, sondern um die Hobby-Bürgerkriege, die in vielen Innenstädten Leib und Leben der Passanten gefährden. Jedes Jahr gibt es Schwerverletzte und sogar Tote. Und da ist noch gar nicht eingerechnet, dass nur die Silvesterknallerei fast ein Sechstel des jährlichen Feinstaubs durch Autoverkehr verursacht. In nur einer Nacht.

Der Abschluss „#nurmalso“ stimmt eben gar nicht, das ist dieser rotzige, trotzige Sarkasmus, den man von Reaktionären in sozialen Medien kennt. Es handelt sich eigentlich um eine Absage an jede Diskussion. Nico Lange hat nur auf den ersten Blick harmlos getwittert – in Wirklichkeit steht dahinter genau die konservative Haltung, die so vielen von uns aufstößt: „Mir ist egal, wie sich die Welt verändert, ich mache genau so weiter wie bisher.“ Was für eine arrogante Ignoranz!

 

Soweit also die jeweiligen Perspektiven von Leuten, die sich über Nico Lange aufregen und Leuten, die sich darüber aufregen, dass sich Leute über Nico Lange aufregen.

Meine eigene politische Haltung ist – das verberge ich nicht – linksliberaldemokratisch, daher kann man mit etwas Gespür erahnen, wo meine Sympathien eher verborgen liegen.

Aber:

Trotzdem sind beide Perspektiven berechtigt und nachvollziehbar, die hier als konservativ beschriebene ebenso wie die linke, grüne (außer die Faschismus-Beschimpfungen, die sind einfach aus jeder denkbaren Sicht bescheuert). Letztlich prallen aufeinander:

  • Die eher linke, grüne Überzeugung, dass jetzt alles – einschließlich symbolischer Handlungen und entsprechender Bekenntnis-Kommunikation durch politische Vorbilder – unternommen werden muss, um die Welt zu retten.
  • Und die eher konservative Überzeugung, die lieb gewonnenen Alltagsgewohnheiten nicht so einfach aufzugeben, nur weil ein paar Leute sich aufregen und mit Statistiken wedeln, weil die entscheidenden Schlachten ohnehin anderswo geschlagen werden.

Der Schlüssel zum Verständnis der Empörung und Gegenempörung aber liegt in einer sehr zentralen Eigenschaft der sozialen Medien, nämlich einer Entkontextualisierung, die man als Unschärferelation der Sozialen Medien bezeichnen kann, Social Heisenberg quasi. Das bedeutet: Jeder Tweet kann gleichzeitig als Teil einer Diskussion verstanden werden und als für sich allein stehend. Die absolute Eindeutigkeit in diesem Bereich ist weniger häufig als man von außen denkt, in den meisten Fällen hängt es sehr vom einzelnen Betrachter ab, wie stark man sich welchen Kontext dazu vorstellt oder nicht. Zumal Kontext auch keine An/Aus-Veranstaltung ist, sondern eher als Schieberegler verstanden werden sollte.

Es gibt zweifellos gewiefte Strategen, die diese Entkontextualisierung in sozialen Medien politisch ausnutzen. Das halte ich hier aber nicht für wahrscheinlich, auch deshalb, weil die politische Kommunikation der großen demokratischen Parteien in Deutschland bisher mit Gewieftheit außerordentlich sparsam umgegangen ist.

Verstärkt wird die Unschärferelation durch die große Spreizbreite knapper Sätze. „Ich fahre Auto“, darunter finden sich Leute, die ab und zu Carsharing benutzen und auch solche, die mit ihrem Drei-Tonnen-SUV durchs Naturschutzgebiet brettern. Welches Bild man bei „Ich fahre Auto“ im Kopf hat, hängt wiederum stark vom Betrachter ab, und dieses Bild wirkt ganz unmittelbar auf die eigene Emotionalität.

Mit den anderen Sätzen verhält es sich ähnlich, denn in sozialen Medien können die meisten Aussagen in sehr unterschiedlicher Weise gelesen werden, unter anderem, weil Begleitinformationen anderer Kommunikationsformen wie Gestik, Mimik oder Tonfall fehlen. Viele Streits und Missverständnisse entstehen dadurch, ein Merkmal der digitalen Welt, das seit Jahrzehnten bekannt ist und spürbare Folgen hatte: Emoji zum Beispiel sind aus der Notwendigkeit entstanden, dass die Einordnung von Worten und kurzen Sätzen im Netz schwierig sein kann.

Man könnte jetzt vermuten, dass Lange schon durch seinen Beruf wissen müsste, wie sein Tweet wirkt oder wirken kann. Wahrscheinlich hat er diese breite Ausdeutbarkeit in gewisser Weise sogar absichtsvoll eingebaut. Trotzdem überschätzt man, so glaube ich, wie wenig selbst Fachleute Diskussionen und Interpretationen in sozialen Medien voraussehen können. Und man unterschätzt auch, dass jeder Tweet selbst bei Profis auch ein hingeworfener Gedanke sein kann, dessen vollumfängliches Interpretationsspektrum erst später klar wird. Ich halte es zwar für möglich, dass Lange hier bewusst eine genau auf diese Weise funktionierende politische Kampfansage formulieren wollte, aber eben nur für möglich.

Dagegen spricht, dass er später versucht hat, seinen Tweet einzuordnen und in der präzisen Bedeutung auszudifferenzieren; sowas tut man eher nicht, wenn man im Konrad-Adenauer-Haus zwischen den Jahren zwölf Meetings für die perfekte Wortwahl angesetzt hat, um die künftige Politik der neuen CDU-Chefin schonmal als Twitter-Pflock in der Öffentlichkeit einzurammen.

Dafür spricht, dass politische Kampfansagen Teil seines Jobs sind, er ausgerechnet als „politischer Planer“ arbeitet (dessen Job Öffentlichkeits-Pflöcke sind) und in seiner Twitter-Selbstbeschreibung die schöne Spitze gegen Friedrich Merz zu lesen ist: „plan beats no plan“.

Völlig unabhängig aber von der politischen Positionierung ist ein entscheidener Umstand gerade bei Twitter: Wenn Tweets in anderen Medien zitiert werden, dann stehen sie für sich allein. Würde der Tweet von Lange etwa in einer Zeitung abgedruckt – die übergroße Mehrheit der Leute würde ihn nicht als Teil einer Diskussion, sondern für sich allein stehend sehen. So stünde eher die harmlose Deutung im Vordergrund, und die linken Reaktionen erschienen eher absurd. Das ist eben eines der Grundmuster der sozialen Medien, dass dieser Diskursraum zwar einen besonderen Charme entfaltet, aber auch genau deshalb kaum übertragbar ist in andere Medienformen.

Ich glaube, dass man bei professioneller Kommunikation die Entkontextualisierbarkeit sozialer Medien deshalb immer mitdenken sollte. Das kann zugegeben sehr schwierig sein, aber eine Alternative dazu sehe ich bei der heutigen Struktur der Öffentlichkeit nicht. Ich möchte Nico Lange nicht als völlig unschuldiges Hascherl darstellen, das unschuldig blinzelnd mit großen Augen in einen monströsen Twittersturm hineingelaufen ist – aber ich sehe allen Grund, diesen Fall als Anlass zu nehmen, um über politische Diskussion in sozialen Medien intensiver nachzudenken. Es waren auch nicht wenige Journalisten und Publizisten am Getöse beteiligt.

In jedem Fall wird deutlich, dass Lange, so glaube ich, eine Art halber Zufallstreffer politischer Kommunikation gelungen ist, nämlich der Beweis, wie sehr die Interpretation der kurzen Einlassungen in sozialen Medien davon abhängen, in welchen Kontext man sie stellt. Und ob man sie überhaupt in einen Kontext stellt:

  • Nico Langes Tweet ist, für sich allein stehend, von alltäglicher Harmlosigkeit und beschreibt schlicht die Mehrheit der Bundesbürger.
  • Nico Langes Tweet ist, auf die drei dazugehörigen Diskussionen bezogen, eine durchaus selbstgerechte Provokation der konservativen Sorte: Egal wie sehr ihr euch aufregt, wir ändern nichts.

Beides stimmt, und zwar gleichzeitig, hallo Heisenberg. Das sind eben die Besonderheiten von sozialen Medien, die politische Diskussionen so schwierig und manchmal unmöglich machen.

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