Inklusion: Denise Linke und N#MMER

Am Sonntag erschien in der Frankfurter Allgemeinen ein in meinen Augen sehr hilfreicher Artikel von/über Denise Linke aus Berlin, einer Asperger-Autistin. Toll geschrieben, und ich möchte den Beitrag komplett zitieren, nicht jeder liest die FAZ, aber natürlich jeder das Nutzhirn.

Denise räumt mit den Vorstellungen über Asperger-Autisten auf, und ist sehr aktiv im Crowdfunding für ihr Projekt ‘N#MMER – Das Magazin für Autisten, AD(H)Sler und Astronauten’, auf das ich am Ende des Artikels noch eingehen werde.

Ich wünsche Denise viel Erfolg damit und werde weiter berichten.

Inklusion hat mich gerettet

Ich bin Asperger-Autistin, habe das Abitur bestanden und ein Studium abgeschlossen. Warum wir uns Neurodiversität nicht bloß erlauben können, sondern sie brauchen, um vorwärtszukommen: Ein Plädoyer.

Die Debatte um die Inklusion läuft immer wieder auf das gleiche Argument hinaus: Eine Schule, die lern- oder sonstig behinderte Kinder zusammen mit den sogenannten normalen unterrichte, betreibe gefährliche Gleichmacherei. Denkt man darüber bloß ein paar Sekündchen nach, offenbart sich, dass das kompletter Unsinn ist. Niemand behauptet, dass alle Schüler gleich seien. Selbst in Regelschulklassen sind alle Schüler unterschiedlich. Und viele Schulen tun sich schon bei „normalen“ Schülern schwer damit, niemanden hinten runterfallen zu lassen. Woraus besorgte Eltern aber den Schluss ziehen: Da ist nun wirklich kein Platz und keine Zeit für die blöden Kinder, die meinen Kindern das Lernen erschweren.

Stimmt: Kinder mit Behinderungen können, abhängig von der Art ihrer Behinderung, dafür sorgen, dass der Unterricht noch unbrauchbarer wird, als er es häufig eh schon ist. Deswegen will auch kein Mensch, der bei Verstand ist, einfach alle Behinderten in Regelschulen kippen und den Deckel zumachen. Die Schulen müssen barrierefrei werden, die Klassen kleiner, die Lehrer besser geschult. Das kostet ja so viel. Aber kostet es, über die Jahre gerechnet, wirklich mehr, als wenn man Menschen, die eigentlich in der Lage wären, einen Beruf zu erlernen und auszuüben, in Förderschulen schickt und damit dafür sorgt, dass der Staat bis zu ihrem Tod die finanzielle Unterstützung übernimmt?

Ist das wirklich billiger? Hat das mal jemand ausgerechnet?

Ich bin Asperger-Autistin. Nun ist es raus. Ich bin eine von denen, die man bei Lanz oder Jauch dafür loben würde, dass sie ihr Abitur geschafft hat und jeden Morgen allein ihre Zähne putzt. Man würde mich vermutlich sogar loben, wenn ich jemanden erschossen hätte. Weil ich es als Autistin geschafft hätte, mein Gefühl zu erkennen und mir auch noch eine Waffe zu besorgen, und das ist nun wirklich eine ganz tolle Sache – wenn man einer BeckmannSendung vom Januar dieses Jahres Glauben schenkt.

Nach vielen Autounfällen war das klar

Das Asperger-Syndrom ist eine Form von Autismus, um die, wie eigentlich um alle Formen von Autismus, viele Mythen kreisen. Das „Rain Man“-Phänomen. Ich bin aber weder Raymond Babbitt noch Dr. Dr. Sheldon Cooper oder Christopher Boone. Zur Überraschung nahezu aller Menschen, die mir seit meiner Diagnose Fragen gestellt haben, kann ich weder Streichhölzer noch Karten zählen, kann so gut wie gar nichts auswendig (am wenigsten Fahrpläne), schreie nie bei lauten Geräuschen (wie unsinnig, das wäre ja bloß ein weiteres lautes Geräusch), bin in der Lage, Empathie zu empfinden, und bin zu allem Übel auch noch eine Frau.

Zum Asperger-Syndrom gehört, dass sich mir soziale Interaktionen nicht erschließen. Ich habe Gespräche, insbesondere Small Talk, gelernt, so wie andere Formeln oder Daten für eine Prüfung lernen. Mimik sagt mir gar nichts, deswegen sehe ich Menschen nicht von Natur aus in die Augen – ich muss mich zum Augenkontakt zwingen. Und ich bin nicht in der Lage, Reize zu filtern. Alles ist immer gleich laut, das Gespräch, das ich führe, das Gespräch, das neben mir geführt wird, die Kaffeemaschine, die Autos, die spielenden Kinder, der Wind in den Bäumen.

Es ist wohl wenig überraschend, dass es mir zuweilen sehr schwerfällt, mich zu konzentrieren. Die einzige Möglichkeit, überhaupt etwas problemlos in mich aufzunehmen, besteht darin, es für mich interessant zu machen. Sobald etwas interessant ist, schaffe ich eine Art von Hyperfokus – und bekomme plötzlich gar nichts mehr mit. Ich habe viele Autounfälle gebraucht, um das festzustellen. Und um zu lernen, dass die anderen Verkehrsteilnehmer immer wichtiger sein müssen als der vorbeifliegende Vogel oder eine reflektierende Reklametafel.

Auf dem Sofa im Lehrerzimmer geht es weiter

Tatsächlich war ich auf einer kooperativen, integrativen Gesamtschule. Klingt schwierig, bedeutete aber einfach, dass Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten in vielen Fächern gemeinsam unterrichtet werden; und dass es I-Klassen gibt, Klassen also, in denen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet werden. Für einen reibungslosen Ablauf sorgten kleinere Kursgrößen, das Konzept der Ganztagsschule, zwei Sozialpädagoginnen, die von Schulbeginn bis Schulschluss anwesend waren, mehrere zu Schlichtern ausgebildete Schüler, das Abschaffen der Pausenklingel, auf die Bedürfnisse von Schülern ausgerichtete Pausenzeiten, die Tatsache, dass unsere Hausmeister ein Kleinwüchsiger und eine Transsexuelle waren, die Freizeitangebote, eine Tierstation für Kinder, die keine Haustiere haben konnten oder durften, und die von Lehrern angebotenen Forder- und Förderkurse.

Das Lehrerzimmer stand Schülern jederzeit offen, und nicht selten verbrachten wir die Pausen damit, dort, auf den Sofas und mit einer Tasse Kaffee in der Hand, weiterzudiskutieren. Einige Lehrer luden ihre Schüler regelmäßig zum Grillen zu sich nach Hause ein. Nach wie vor lädt die Schule alle Schüler, Lehrer und Ehemaligen jeden Advent zu einem Fest ein, bei dem Geld für eine Partnerschule in Afrika, mit der ein reges Austauschprogramm betrieben wird, gesammelt wird.

Und alle haben das Abitur geschafft

Von meiner ersten Schule, einem altehrwürdigen Gymnasium, in dem die Abiturienten noch Oberprimaner heißen, ging ich, weil ich gemobbt wurde – von Schülern und Lehrern. Warum ich gemobbt wurde, war mir ein Rätsel, meine Asperger-Diagnose bekam ich, wie viele Betroffene, erst nach der Schulzeit. Mein Verhalten kam mir nicht seltsam vor und fiel an meiner neuen Schule kaum auf. Wir waren sowieso ein bunter Haufen aus Gehörlosen, Rollstuhlfahrern, Nichtbehinderten, Autisten und AD(H)Slern. Ohne den Wechsel auf die Gesamtschule hätte ich, trotz Zentralabitur, niemals einen Abschluss bekommen und würde heute Hartz IV beziehen.

Meine Noten waren grauenhaft, man legte mir nahe, es doch auf einer Realschule zu probieren. Dank des sozialen Fokus meiner neuen Schule verließ ich nie den Gymnasialzweig, machte mein Abitur, schloss ein Studium ab und bin derzeit dabei, neben meiner journalistischen Arbeit eine eigene Firma zu gründen. Tatsächlich war es so, dass in meinem Jahrgang an meiner Schule niemand durch das Abitur fiel. Anders als an meiner alten Schule. Und das, wie bereits erwähnt, trotz des Zentralabiturs. Viele meiner Mitschüler kamen von anderen Schulen, weil sie dort gemobbt wurden, viele kamen von Haupt- oder Realschulen, machten dank guter Noten ihr Abitur und arbeiten nun in guten Jobs bei Banken oder Beratungen, studieren Jura oder Medizin. Ein überdurchschnittlich großer Anteil meiner Mitschüler entschied sich, selbst Lehrer zu werden, weil sie Vorbilder hatten. Meine Deutschlehrerin schreibt regelmäßig eine E-Mail an ihren gesamten Kurs, um zu erfahren, was wir treiben.

Das klingt alles nett, mögen Sie denken: Aber was hat das mit Inklusion zu tun?

Ganz einfach: alles.

Der Rettungsvorschlag des Biologielehrers

Der Inklusionsgedanke ist tief im Konzept dieser Schule verankert. Forderung und Förderung waren immer genauso wichtig wie das Akzeptieren aller Lebensentwürfe, Austausch und Diskussionen. Ich hatte nie ein Problem damit, Menschen mit Behinderung als gleichwertige Menschen anzusehen, weil sie schlicht gleichwertig waren. Gleichwertig bedeutet nicht gleichmachen, es bedeutet, jedem dieselbe Chance zu geben. Das bedeutet auch, dass besonders gute Schüler, besonders schlechte Schüler und durchschnittliche Schüler an nichts gehindert werden. An meiner Schule hat es niemanden gestört, dass ich kaum zu Augenkontakt fähig war. Meine Lehrer haben akzeptiert, dass ich mich nicht melde und haben meine schriftlichen Noten schlicht und ergreifend mehr gewichtet, meine Hausaufgaben mehr kontrolliert, mir gesonderte Heimarbeit gegeben und sie gelesen. Wenn es mir in einer Prüfung nicht möglich war, ein Wort aufs Papier zu bringen, weil das Atmen und die Stifte meiner Mitschüler zu laut waren, dann haben sie mich die Prüfung eben in einem anderen Raum schreiben lassen. Ohne Aufsicht, mit viel Vertrauen. Geschummelt habe ich eh nie. Und während an meiner alten Schule mehrfach zur Debatte stand, mich aufgrund meiner dramatisch schlechten Noten in Mathematik und den Naturwissenschaften auf die Realschule zu schicken, sagte man sich an der neuen Schule, dass ich nun einmal in einigen Gebieten viel weiter und in anderen sehr weit hinter den anderen Schülern war.

Mein Biologielehrer war besonders feinfühlig und fragte mich einfach, ob ich zur Aufbesserung meiner Note nicht einen Vortrag zu einem für mich interessanten Thema halten möchte. Ihm war aufgefallen, dass ich in einigen Teilgebieten sehr gut und in anderen sehr schlecht war – Evolutionslehre konnte ich ohne Anstrengung in mich aufsaugen; mir Ökologie beizubringen war nahezu unmöglich. Ich hielt einen Vortrag über die Encephalitis lethargica, bekam dafür 15 Punkte und rettete mich damit vor dem Durchfallen.

Menschen, die sich Mühe mit Menschen geben

Vom Sportunterricht wurde ich größtenteils befreit, nachdem ich ungezählte Male über meine eigenen Füße gestolpert war. Motorisches Unvermögen, oder wie ich es nenne, Bewegungslegasthenie, gehören zu Asperger und machen die meisten Übungen und Sportarten gefährlich für mich. Man ließ mich dafür die Regeln lernen und die Punkte bei Spielen zählen. Und das alles vor meiner Diagnose. Einfach, weil man meine Unzulänglichkeiten und meine Stärken sah und darauf einging.

Ich brauchte keinen Zettel, auf dem irgendeine Krankheit stand, keine Therapie und keinen Wechsel zur Realschule. Ich brauchte Menschen, die sich Mühe mit mir geben, so wie ich mir Mühe mit ihnen gebe.

Es ist durchaus möglich, dass ein Kind mit Down-Syndrom sehr gut in Mathe und sehr schlecht in Sport ist. Wenn man den Matheunterricht so aufbaut, dass alle Schüler dieselbe Aufmerksamkeit bekommen, vielleicht, indem man den Beruf des Lehrers attraktiver macht, mehr gute Lehrer ausbildet und mehr auf den Einzelnen eingehen kann, dann werden die Guten besser, die Schlechten nicht schlechter, und die Durchschnittlichen haben eine Chance, sich den Guten anzunähern.

Wir brauchen diese Neurodiversität sogar

In der Tat hatte ich sehr begabte Sportler, begabte Musiker und begabte Mathematiker in meinem Jahrgang. Dass ich schlecht in Sport, Musik und Mathe war, hat sie nicht schlechter gemacht. Dass sie gut waren, hat mich nicht besser gemacht, weil ich schlicht und ergreifend keine Begabung auf diesem Gebiet hatte. Genauso haben meine stets sehr guten Noten in Deutsch und Englisch niemanden runtergezogen. Sie führten lediglich dazu, dass ich in den langen Pausen oft Mitschülern bei den Hausaufgaben half, so wie sie mir in Mathe oder Chemie halfen.

Inklusion wegzuschieben ist zutiefst darwinistisch. Jeder für sich, keiner für alle. Die Stärksten werden es schon schaffen, die anderen haben es nun einmal nicht anders verdient. In unserer modernen Gesellschaft hat dieses Denken keinen Platz. Wir können uns Neurodiversität nicht bloß erlauben, wir brauchen sie, um vorwärtszukommen. Sie ist kein Luxus an sich, sie ist ein Produkt des Luxus, in dem wir leben. Und sie ist es, die uns bislang groß gemacht hat, ob es der nach heutigen Erkenntnissen autistische Einstein, der gehörlose Beethoven oder die kleinwüchsige und gelähmte Margarete Steiff waren. Behinderte Menschen haben uns bereits vor Jahrhunderten mit Nichtbehinderten gemeinsam zum Land der Dichter und Denker gemacht. Sich jetzt in eine falsche Eugenetik zu stürzen, die weder Einstein, noch Beethoven, noch Steiff die Chance gegeben hätte, zu werden, wer sie wurden, ist dumm und gefährlich.

Weiterführende Zeit-Artikel:

Und hier die Informationen über N#MMER:

Die Crowdfunding-Seite findet sich hier, das Crowdfunding ist zwar beendet, aber es gibt dort sehr viele Informationen zum Nachlesen.

N#MMER ist ein Magazin für Autisten und AD(H)Sler. Ohne Selbstmitleid, ohne Hokuspokus. Aber mit Themen von uns, für uns, über uns.

Doch N#MMER will mehr. Nämlich aktiv Grenzen zwischen Autisten, AD(H)Slern und neurotypischen* Menschen abbauen, indem das Magazin zeigt wie wir die Welt sehen.

*neurotypisch sind Menschen, die keine neurologischen Besonderheiten wie z.B. Autismus und AD(H)S aufweisen – die Astronauten also, die uns in “unserer Welt” besuchen

Kategorie: Journalismus
Stadt: Berlin
Schlagwörter: ASD, ADS, Asperger, Journalismus, Autismus, ADHS, Magazin, Lifestyle
Finanzierungszeitraum: 14.05.2014, 10:09 Uhr bis 14.08.2014, 23:59 Uhr
Realisierungszeitraum: 3 Monate

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