Fair Trade: Wer Fair Trade kauft, tut nichts Gutes

 

Dieser Kommentar erschien im Falter 20/2014, und ich möchte ihn hier komplett abdrucken. Zuerst gesehen habe ich den Link bei Gernot und Manuela aus Linz, dann habe ich bei Benedikt Narodoslawsky im Blog weitergelesen, und ich möchte den Inhalt gerne weitergeben.

Die Banker sind schuld an der Krise, sie haben es versaut. Egoistisch scheffeln sie sich reich, während sie die Börsenpreise rauf- und runterjagen und damit die Gesellschaft ins Unglück stürzen. Verdammte!

Seit die Wirtschaftskrise vor sechs Jahren von Amerika aus wie ein Tsunami über die Welt rollte, sind Banker der Sündenbock, auf den sich alle einigen können. Von Grün bis Blau werden sie im aktuellen EU-Wahlkampf als Feindbild plakatiert. Ist ja auch nicht ganz falsch.

Was auch nicht falsch ist: Wir, die Mehrheit der Gesellschaft und Nicht-Banker, sind um keinen Deut besser. Das belegt der renommierte deutsche Ökonom Armin Falk mit einem bemerkenswerten Experiment (ein Interview mit Falk erschien im Falter, ich werde es demnächst online stellen). Sein Resümee: Der Markt zerstört die Moral. Wir schieben vielleicht keine Finanzpapiere hin und her, aber im Grunde denken wir gleich wie die Broker an der Wall Street.

Wenn wir etwa von den rund 1100 Arbeitern lesen, die in Bangladesch bei einem Fabrikseinsturz ihr Leben ließen, während sie unsere Kleidung nähten, entfährt uns zwar vielleicht ein “Voll arg!”. Dann aber blättern wir weiter und kaufen am nächsten Tag das nächste T-Shirt um 4,99 Euro. Denn im Zweifelsfall schauen wir lieber auf uns als auf die anderen. Lieber zwei Hemden als eines, das unter fairen Bedingungen hergestellt wurde.

Der Werbespruch “Geiz ist geil” hat sich wie ein Dogma in unsere Köpfe gefressen. Für jene, die einen alternativen Weg wählen -den bewussten Konsum -, hat sich ein Kampfbegriff etabliert: “Gutmensch”. Er gilt jener Gattung, die die Welt zum Guten verändern will, wo doch jedermann weiß, dass die Welt unverrückbar böse ist. Ein Kampfbegriff, der die Alternativen als Naivlinge diskreditiert.

Genau dieser Zynismus konserviert das System. Ein System, das eigentlich keiner will. Denn ehrlich: Ausbeutung, Kinderarbeit, Krieg, Massentierhaltung und Umweltverschmutzung findet keiner so richtig cool.

Der politische Konsument ist ein schlafender Riese“, sagt der deutsche Soziologe Ulrich Beck. Und er lässt sich wecken. Will heißen: Der Markt lässt sich ändern. Aber wir müssen es wollen. Was das für uns bedeutet? Nachdenken, was wir kaufen. Im Zweifel: weniger statt mehr. Jeder Griff ins Regal ist eine politische Handlung – und hat für andere Konsequenzen. Niemand, der Fair Trade kauft, tut etwas Gutes. Sondern bloß etwas Faires. Das ist ein gehöriger Unterschied. Dass jemand, der am Markt fair agiert, schon als gut gilt, und jener, der mit seinem Konsum die Ausbeutung vorantreibt, als normal, zeigt, wie pervers der Markt geworden ist.

Hier noch ein paar weiterführende Links:

 Sie leben in Wien, wollen bewusst konsumieren, wissen aber nicht wie und wo?

Die Sicherheitsnadel bietet einen guten Überblick.

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