Volksmedizin: Wird aus medizinischem Aberglauben modernes Wissen?

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Ein Gastbeitrag von Dr. Edmund Berndt

Laut Wikipedia umfasst Volksmedizin das in der Bevölkerung von einer Generation zur nächsten überlieferte Wissen über Krankheiten, Heilmethoden und Heilmittel. So klar und einfach diese Definition ist, so irreführend ist diese, weil in dieser Definition die Begriffe Wissen, Krankheit, Heilmethode und Heilmittel stecken. Dieses Wissen in der Volksmedizin wird gerne als „altes Wissen“ bezeichnet, aber es entspricht jedoch nicht unserem modernen Wissen einer aufgeklärten Gesellschaft, das auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, sondern es handelt sich nur allzu oft um ein überholtes und widerlegtes Wissen. Dieses „alte Wissen“ ist von unrichtigen Annahmen und magischem Vorstellungen durchsetzt In Summe ist diese „altes Wissen“ nichts weiter als überlieferte Verhaltensweisen.

Diesen überlieferten Verhaltensweisen und Mitteln wird unter Hinweis auf „altes Wissen“ eine Wirksamkeit gleich modernen Therapien und Medikamenten bescheinigt. Das ist Informationsbetrug. Fakt ist, dass nach Einbeziehung heutigen Wissens von einer echten Wirkung nicht mehr viel außer Placebowirkung übrigbleibt. Und Placebowirkung haben alle magischen Handlungen immer schon gehabt und waren immer schon ein gutes Geschäft.

Die Geschichte der Volksmedizin ist sehr gut dokumentiert. Sie reicht bis in die Antike zurück. Es gab und gibt unzählig viele und umfangreich dokumentierte Methoden, Mittel und Vorstellungen, nach denen die Menschen Heilung und Linderung von Krankheiten suchten. Desgleichen gab es unzählige Erklärungen für das Auftreten von Krankheiten. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, umso magischer waren die Vorstellungen. Unschwer lässt sich erkennen, dass es seinerzeit keine Trennung zwischen Aberglauben und Naturwissenschaft im heutigen Sinn gab. Auch die „gelehrte“ Medizin erklärte Krankheiten mit magischen Vorstellungen und behandelte dem entsprechend mit Magie. Der offiziellen weißen Magie, die in die herrschende Religion integriert war, stand die inoffizielle schwarze verbotene Magie gegenüber.

So lassen sich alte heidnische Zaubersprüche in der Volkmedizin nachweisen, die dann christianisiert wurden. Die alten Heilsprüche wurden eben mit einem z.B. „Ave Maria“ abgeschlossen.

Die zahlreichen Anwendungen, Mittel und Vorstellungen der Volksmedizin waren z. T. geographisch weit verbreitet und verfügen über eine entsprechend durchgehende Historie. Einzelne Traditionen lassen sich über viele Jahrhunderte wenn nicht Jahrtausende zurückverfolgen. All das wurde nicht einfach geglaubt im strengen Sinn des Wortes. Die Wirksamkeit war seinerzeit für die Menschen erwiesen, auch wenn es aus heutiger Sicht nur offensichtlich unwirksamer Zauber war.

Die Homöopathie des Herrn Hahnemann ist kein geschichtlicher Einzelfall einer abstrusen obskuren Heilslehre sondern passt nahtlos in alle überlieferten magischen Vorstellungen hinein. Hahnemann war von der Existenz einer geistartigen Heilkraft und einer geistartigen Lebenskraft überzeugt. Zu seiner Zeit waren solche Vorstellungen durchaus noch üblich, aber schon umstritten und wurden zunehmend als unwissenschaftlich angesehen. Hahnemann hat seine Lehre auf die zu seiner Zeit noch gültigen letzten Reste magischer Vorstellungen aufgebaut. Die Vorstellungen geistartiger Heil- u. Lebenskräfte sind nicht verschwunden sondern haben sich hinter modern klingenden Begriffen wie Energieströme, Energieblockaden, Bioinformation etc. versteckt.

Schon seit jeher konnte unterschieden werden zwischen gelehrter Medizin und Volksmedizin. Vieles, was von der Gelehrtenmedizin, der Puechmedizin von Puechärzten (Buchärzte bzw. Buchmediziner), heute würde man von Schulmedizinern sprechen, angewandt aber verworfen wurde, erfreute es sich wider besseres Wissen noch lange Zeit großer Beliebtheit in der Volksmedizin.

Hier mag als typisches Beispiel die Verwendung von Mumie als Heilmittel dienen. Ursprünglich bedeutete das persische Wort „mumia“ Erdpech“. Im alten Ägypten wurde ging der Begriff „Mumia“ auf die damit konservierten Leichen über. Primär wurde das Erdpech (Bitumen) als Heilmittel verwendet. In Folge übertrug sich die „Heilwirkung“ vom Erdpech, das auch aus den Grabkammern gewonnen werden konnte, auf die konservierten Leichen und Mumie wurde zum anerkannten Heilmittel.

Mumie war mehr oder weniger zwei Jahrtausende als Heilmittel in Verwendung. Prof. Elfriede Grabner aus Graz hat in ihrem Buch „Grundzüge einer ostalpinen Volksmedizin“ (1985) unter Kapitel V „Schutz- u. Heilmittel“, Ziffer 4 „menschliche Körperprodukte“ die Seiten 194 bis 208 praktisch vollständig dieser Geschichte gewidmet.

In Wellnesszeitungen und auf Gesundheitsseiten aller Zeitungen ist viel über die Verwendung von Kräutern zu lesen. Auch wird Theophrastus Bombastus von Hohenheim, bekannt als Paracelsus, und sein berühmter Satz „Dosis sola facit venenum“ gerne zitiert, dass er aber ein überzeugter Fan für die Anwendung von Mumie war, ist nicht in den Medien nachzulesen.

Selbstverständlich gibt es auch altes Wissen. Z.B. in der Geometrie den Satz von Thales, dass alle Winkel im Halbkreis rechte Winkel sind oder den pythagoreischen Lehrsatz, dass die Summe der Flächen der Quadrate über den beiden Katheten gleich der Quadratfläche der Hypotenuse ist. Nur in der Medizin ist derartiges Wissen rar, das bis heute gehalten hat.

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Grundzüge einer ostalpinen Volksmedizin

9 Kommentare

  1. Zum Einen: Die Volksmedizin hat philosophische und religiöse Komponenten, doch erst wenn sich diese Behandlungsarten verifizieren lassen, dann ist eine “alte” Weisheit auch eine “neue” Weisheit. Dagegen ist nichts einzuwenden.

    Es gibt Kulturwissenschaftler vom Fach, Edi aus pharmazeutischer Sicht vom Fach, GWUPpies können beide sein.

    Zum anderen: “Er zitiert zwar Elfriede Grabner, aber…” Ich kann daraus nicht ablesen, wer noch zitiert werden müsste. Als nicht vom Fach Seiender interessieren mich diese neueren Forschungsergebnisse sehr, da darf ich um ein Paar Links bitten?

    Und das Zitat: “Und die Begriffe erst…” – da würde ich wissen, was falsch verwendet worden ist. Ich bin nicht vom Fach, bilde mich aber gerne weiter mit Auskünften von Leuten vom Fach. Ehrlich.

    • Ich möchte nicht missverstanden werden.
      Was ich sagen will, ist, dass ein Blick in die Volksmedizin zeigt, wie vielfältig und skurril nach heutigen Maßstäben Mitteln und Methoden waren.
      All das wurde für erwiesen und wahr gehalten.
      Und der Aberglaube Homöopathie passt perfekt in dieses Bild hinein.
      Heute ist Homöopathie Aberglaube, ein moderner eben.

      Seinerzeit war es aber noch nicht so, wie vieles seinerzeit auch nicht bzw. noch nicht als Aberglaube galt.
      An Homöopathie wird eben heute noch geglaubt so wie seinerzeit an alles mögliche geglaubt wurde.
      Oder liege ich da völlig falsch?
      Und wenn seinerzeit die Leute an die Wirkung von Schluckbildchen glaubten, warum sollen sie heute weniger fest an die ursächliche Wirkung von Homöopathie glauben?
      Die Homöopathie ist nur ein Flatus im bunten Reigen des Aberglauben.

  2. Das ist mir zu einseitig. Sicher gab es Wissen über Heilkräuter etc. Und die Frage, was wirkt da ist auch heute noch für die Pharmaindustrie bei der Suche nach neuen Leitstrukturen interessant. Sicher liegt die Wirksamkeit von Kräutern und Tinkturen hinter der moderner Medikamente. Nichts desto trotz ist es ein wertvolles Wissen.

    • Altes Wissen

      Wenn es um alternative, komplementäre und ganzheitliche Heilmethoden oder gar um Kräuter geht, wird immer mit „altem Wissen“ argumentiert. Nur was ist das? Aus einem Konglomerat von Aufzeichnungen, Überlieferungen, alten Bräuchen und ähnlichen mehr sucht sich jeder selbsternannte Kräuterexperte oder jede heilsichtige Kräuterhexe etwas irgendwie Passendes heraus, erklärt das Mittel oder die Prozedur für wirksam nach heutigen Kriterien, weil es sich um „altes Wissen“ handelt. So wird täglich Reklame für meist veraltete Therapien und Mittel gemacht, deren Wirksamkeit in den Sternen zu suchen ist. Veraltetes lässt sich nur mit „altem Wissen“ und dem zugrunde liegenden veralteten magischen Vorstellungen schlüssig erklären. Mit neuem Wissen sehen Erklärungen aber anders aus und von Wirksamkeit nach heutigen Maßstäben ist allermeist nichts mehr nachzuweisen.

      Es wird eben völlig übersehen, was alles unter „altes Wissen“ fällt. Das Spektrum des „alten Wissens“ reicht von abergläubischen und magischen Vorstellungen und Praktiken einerseits bis hin zu einem „Wissen“, dass bestimmte pflanzliche Zubereitungen giftig bis unbekömmlich sind. Eine Unterscheidung zwischen Wirkungen, die auf magischen Vorstellungen beruhen und, um es modern auszudrücken, pharmakologischen Wirkungen im heutigen Sinn gab es nicht. Magie und Naturwissenschaft waren nicht getrennt. Praktisch erfahrbare Wirkungen wurden mit magischen Vorstellungen erklärt.

      Zum zahlreich überlieferten medizinischem „alten Wissen“ ist zu sagen, dass nur in wenigen Fällen gesichert bekannt ist, was damals wirklich im Einzelnen geschah. Abgesehen von den Schwierigkeiten der wechselnden Bezeichnungen für z.B. Pflanzen und Krankheiten zu verschiedenen Zeiten, die oft keine exakten Zuordnungen mehr ermöglichen, wird völlig übersehen, dass der Placeboeffekt im weitesten Sinn immer schon wirksam war und keine Erfindung der modernen Medizin ist. Nur in wenigen Fällen lässt sich heute exakt sagen, welche Krankheit mit welchem Mittel konkret behandelt wurde. Fakt ist aber auch, dass magische Vorstellungen und Handlungen zum unerlässlichen Repertoire jeder Heilbehandlung gehörten. Eine blutende Wunde, ein gebrochenes Bein, Kopfschmerzen, Fieber, Geburtsbeschwerden, zahlreiche Infektionen usw. wurden immer mehr oder weniger auch zeremoniell beschworen. Und die Menschen waren überzeugt, dass das Beschwören zur Heilung unerlässlich und wirksam ist. Auch das gehört auch zum „alten Wissen“ und kann davon nicht getrennt werden.

      Arzneimittel und Therapien mit einer gesicherten und damit einigermaßen vorhersehbaren Wirksamkeit im heutigen Sinn gibt es seit nicht viel mehr als 150 Jahren. Man konnte auch immer schon einfach so – mit und ohne Placeboeffekt – gesund werden. Voltaire konnte daher zu Recht scharfzüngig bemerken, dass die ärztliche Kunst darin bestehe, den Patienten so lange bei guter Laune zu halten, bis die Natur ihn geheilt hat. Und Voltaire kritisierte die Ärzte und ihre Medizin seinerzeit nur zu Recht, denn auch die hochgelahrten Medici hatten keine besseren Erfolge zu verzeichnen als das einfache Volk mit seiner gebräuchlichen Volksmedizin. Das überlieferte „alte Wissen“ war genauso erfolgreich bzw. erfolglos. Und selbstverständlich waren die Gaukler und Scharlatane auf den Marktplätzen nicht nur sehr sondern höchst erfolgreich und sie sind es heute noch.

      Die Beschreibung der Vergiftung von Sokrates mit Schierling stimmt vollkommen mit unseren gesicherten Erkenntnissen über die Wirkung von Conium maculatum überein, aber derartige Highlights gibt es nicht viele. Dank unseres modernen Wissens in Pharmakologie und Pharmakognosie können wir die Vergiftung bestätigen. Warum aber Conium maculatum bzw. Coniin giftig ist, erklärt das „alte Wissen“ nicht.

      Bei den Hexensalben ist diese Gewissheit nicht mehr gegeben. Die grausame Tortur bzw. die Androhung derselben dürfte vielen Frauen zusätzlich zur Wirkung der z.B. vaginal applizierten Salben entsprechende Halluzinationen verursacht haben. Die Faktoren, die wir heute kennen bzw. erkannt haben, die einer Objektivierung im Wege stehen bzw. diese verhindern, sind ja nicht neu sondern waren immer schon gegeben.

      Eine ganze Gesundheitsindustrie geht heute mit höchst selektiv ausgewählten „altem Wissen“ hausieren. Nostalgische und romantische Gefühle werden geschickt geschürt und bedient. Früher war ja alles natürlich und biologisch. Die natürlich lebenden Menschen kannten keine nennenswerten Erkrankungen, waren glücklich und zufrieden und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch. Wir müssen nur noch natürlich leben und uns natürlich behandeln, dann wird es so sein, oder nicht? Grundlagen für diesen Glauben an die gute alte Zeit gibt es in der Medizin keine und noch sonst nirgendwo.

      Jedes Wissen kann und muss zu jeder Zeit überprüfbar sein. Nur so kann es zu einer Weiterentwicklung kommen. Das sogenannte Wissen aus der Erfahrung ist jedoch in höchstem Maße beschränkt, ist es doch abhängig davon, in welchen Wissenstand und mit welcher Skepsis insgesamt, diese Erfahrungen gewonnen wurden.

      • Andreas Gradert: Kannst du Edmunds Antwort von 9.44 Uhr vielleicht als eigenen Beitrag auf deine Profilseite stellen, dann wäre es möglich, ihn zu teilen. Ich finde das sehr schön und klar und verständlich formuliert. Ob sein Beitrag die neuesten wissenschaftlichen Wortschöpfungen zelebriert oder nicht, ist mir da völlig gleichgültig.

    • Steffen: Die Überschrift von Edis Artikel sagt es: Wird aus medizinischem Aberglauben modernes Wissen?

      Es dreht sich um Aberglauben, nicht um die Wirkstoffe, die seit langer Zeit bekannt sind, damals, weil sie funktioniert haben, heute, weil man auch die Art der Wirkung nun erklären kann.

      Dr. Edmund Berndt ist Pharmazeut, GWUP-Mitglied und Verfasser des Buches “Der Pillendreh”.

      • Andreas: Nun will ich mich nicht unbedingt auf eine philosophische Diskussion einlassen. Aber da ist die Frage, wo beginnt medizinischer Aberglaube? Die heiße Milch mit Honig? Kamillentee? Oder wenn ich zum Kamillentee noch irgendwelche Zeichen auf Papier kritzle?

        Und um die Frage mal kurz zu beantworten: Auch das Wissen über Nichtwirksamkeit ist modernes Wissen. Insofern wird immer dann modernes Wissen “entstehen”, wenn entsprechend naturwissenschaftlicher Prinzipien geprüft/getestet wird.
        Und das die Menschen früher gesünder waren und viele Krankheiten nicht kannten, liegt ja wohl u.a. daran, das sie auch bedeutend früher tot waren. Soweit ich mich erinnere, ist das einer der Gründe, warum man früher kaum Krebserkrankungen kannte.

        • Ich möchte nicht missverstanden werden.

          Was ich sagen will, ist, dass ein Blick in die Volksmedizin zeigt, wie vielfältig und skurril nach heutigen Maßstäben Mittel und Methoden waren. All das wurde für erwiesen und wahr gehalten. Und der Aberglaube Homöopathie passt perfekt in dieses Bild hinein. Heute ist Homöopathie Aberglaube, ein moderner eben.

          Seinerzeit war es aber noch nicht so, wie vieles seinerzeit auch nicht bzw. noch nicht als Aberglaube galt. An Homöopathie wird eben heute noch geglaubt so wie seinerzeit an alles mögliche geglaubt wurde. Oder liege ich da völlig falsch? Und wenn seinerzeit die Leute an die Wirkung von Schluckbildchen glaubten, warum sollen sie heute weniger fest an die ursächliche Wirkung von Homöopathie glauben?

          Die Homöopathie ist nur ein Flatus im bunten Reigen des Aberglauben.

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