Lebenshilfe: Inklusive Bildung

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Bildung für Alle (Education for All, EFA) bis 2015 ist das wichtigste Bildungsprogramm der UNESCO, alle Menschen sollen Zugang zu hochwertiger Bildung erlangen können, unabhängig von jeglicher Voraussetzung. Die Weltbildungsministerkonferenz hat 2008 in Genf diese Forderung bestätigt und fordert inklusive Bildungssysteme mit einem Fokus darauf, die Verschiedenheit nicht als Hemmnis, sondern als Ressource zu nutzen. Insofern muss eine Inklusive Bildung nicht erfunden werden, sondern man muss die vorhandenen völkerrechtlichen Instrumente der bei der Umsetzung nutzen.

Ein vorrangiges Instrument ist die Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Zur Zeit erhalten nur 14% aller behinderten Kinder einen Unterricht in der Regelschule und sie besuchen überdurchschnittlich oft Förderschulen – zwei Beispiele für die Wichtigkeit der raschen Umsetzung der UN-Konvention.

Die Inklusive Bildung ist ein Reform- oder Transformationsprozess mit dem Ziel, keinerlei Unterschiede bei der Aufnahme von Kindern zu machen, ohne negative Einstellungen und mangelnde Berücksichtigung von Vielfalt in ökonomischen Voraussetzungen, sozialer Zugehörigkeit, Ethnizität, Sprache, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung und Fähigkeiten. So platt es klingt, das Ziel von Inklusive Bildung ist, Exklusion zu beseitigen,  nicht auf der Basis von Toleranz, in der es gestattet wird, in den Kreis der „normalen“ einzutreten, sondern auf Basis der gleichen Augenhöhe.

Aus politischer Perspektive bedeutet Inklusive Bildung, einen ganzheitlichen Ansatz bei Bildungsreformen zu verfolgen, und so die Art und Weise zu verändern, in der das Bildungssystem Exklusion bekämpft um zu erreichen, dass Regelschulen inklusiver werden.

Inklusive Bildung und hochwertige Bildung sind untrennbar miteinander verbunden, die kognitive Entwicklung des Lernenden einerseits, und die Rolle von Bildung bei der Förderung von Werten und Einstellungen, gesellschaftlichem Verantwortungsbewusstsein, kreativer und emotionaler Entwicklung andererseits.

Der UNESCO-Weltbildungsbericht 2005 schlägt fünf Dimensionen vor, in denen Lehr- und Lernprozesse beeinflusst werden können, mit dem Ziel, Bildungsqualität zu verstehen, zu überprüfen und zu verbessern: Charakteristika der Lernenden, Kontext, aktivierender Input,  Lehren und Lernen sowie Ergebnisse. Diese Dimensionen stehen in einer Wechselbeziehung, sind voneinander abhängig und müssen gemeinsam betrachtet werden. Hier muss ein Umdenken stattfinden, zur Zeit werden die Fähigkeiten im Rechnen, Lesen und Schreiben häufig erhoben, für soziale Fähigkeiten oder die gesellschaftlichen Auswirkungen von Bildung gilt dies nicht, ebenso sind die meisten Untersuchungen nicht in der Lage, emotionales Wachstum zu messen.

Der Fokus muss darauf liegen, die Lehrerausbildung im Sinne Inklusiver Bildung zu fördern, um die gesellschaftliche Entwicklung voranzubringen.

Ein weiterer Aspekt ist, dass man kaum über das Thema Inklusion sprechen kann, ohne das Thema der Kosten in den Blick zu nehmen. Eine wachsende Anzahl umfassender Forschungsarbeiten, darunter die Ergebnisse der PISA-Studien der OECD (PISA, Programme for International Student Assessment), haben gezeigt, dass Qualität nicht direkt von den Ausgaben für Bildung abhängt, sonder von der Qualität der Lehre.

Das Fundament für Inklusive Bildung wird durch einen frühen Bildungsbeginn gelegt, denn die frühe Kindheit ist – wie die kognitiven Neurowissenschaften belegen – eine wichtige Phase für das Erlernen kognitiver Fähigkeiten .

Bildung spielt eine entscheidende Rolle dafür, wie sich das Leben als Erwachsener gestaltet – ein höherer Bildungsgrad führt häufig zu höheren Einkommen, besserer Gesundheit und einer höheren Lebenserwartung . Die langfristigen sozialen und finanziellen Kosten eines Versagens des Bildungssystems sind daher unbestreitbar hoch: Menschen, denen die Fähigkeiten zu gesellschaftlicher und ökonomischer Teilhabe fehlen, verursachen höhere Kosten in den Bereichen Gesundheit, Einkommenssicherung, Kinderfürsorge und – sofern sie bestehen – im Bereich der Sozialversicherungssysteme.

Eine kanadische Studie sagt, dass es aus wirtschaftlicher Sicht sehr kostenintensiv und zutiefst irrational sei, nicht in Bildung zu investieren, die auf ein aktives und leistungsfähiges Leben im Erwachsenenalter vorbereitet. Der Ausschluss von behinderten Menschen vom Arbeitsmarkt mindert das potentielle Bruttoinlandsprodukt um 7,7% ($ 55.8 Milliarden). Daher lohnt es sich, große Summen in eine Bildung zu investieren, die einen Übergang in die Arbeitswelt ermöglicht.

Hier gilt es, zu visualisieren, welchen Vorteil das Gesamtsystem von einer Inklusiven Bildung hat. Zum einen eignet sich die volkswirtschaftliche Verantwortung zur Thematisierung, zum anderen die soziale Verantwortung, zum dritten die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen.

Zur Inklusiven Bildung gehört auch, möglichst viele Schüler möglichst lange im Bildungssystem zu halten, am besten bis zur Matura. Je früher die Förderung einsetzt, desto effizienter. Deshalb soll künftig schon verstärkt in die Inklusive Bildung bei den Vorschul- und Kindergarten-Bereich investiert werden, vor allem in eine bessere Ausbildung des pädagogischen Personals. Ausgleichende Ganztagsbetreuung, die Finanzierung eines Mittagessens und insgesamt mehr finanzielle Förderung des Schulbesuchs sind in diesem Kontext außerdem anzustreben, zu Schaffung der Sozialkompetenz.

Damit Inklusive Bildung entscheidend zur Gestaltung einer inklusiven Gesellschaft beitragen kann, muss unter den Partnern Einvernehmen über die Vision und die konkreten Schritte bestehen, die erforderlich sind, um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen.

Die Entwicklung zur Inklusion vollzieht sich graduell und sollte auf klar formulierten Prinzipien beruhen, die sich auf systemweite Entwicklung auf allen Ebenen der Gesellschaft beziehen. Inklusionsbarrieren können reduziert werden, wenn politische Entscheidungsträger, Beschäftigte des Bildungswesens und andere Akteure zusammenarbeiten. Dies beinhaltet auch den aktiven Einbezug von Menschen vor Ort, wie zum Beispiel politische und religiöse Autoritäten, Vertreter der Schulämter und die Medien.

Wichtige Schritte sind

  • Lokale Situationsanalysen durchführen, um zu bestimmen, welche Handlungsspielräume und Ressourcen vorliegen, und wie letztere zur Förderung von Inklusion und inklusiver Bildung eingesetzt werden sollen
  • Für das „Recht auf Bildung für Alle“ sensibilisieren
  • Konsens über die Konzepte Inklusion und Bildungsqualität herstellen
  • Gesetzgebung in Einklang mit internationalen Übereinkommen, Empfehlungen und Erklärungen bringen, um inklusive Bildung zu unterstützen
  • Kompetenzaufbau vor Ort unterstützen, um die Entwicklung auf dem Weg zu inklusiver Bildung voranzutreiben
  • Methoden entwickeln, um die Wirkung von inklusiver und qualitativ hochwertiger Bildung zu messen
  • Mechanismen auf Ebene der Schulen und auf kommunaler Ebene entwickeln, um Kinder zu identifizieren, die nicht zur Schule gehen, und Wege zu finden, ihnen beim Eintritt in die Schule zu helfen und ihren Verbleib in der Schule zu unterstützen
  • Lehrer unterstützen, ihre Rolle innerhalb des Bildungssystems zu verstehen und Vielfalt im Klassenzimmer nicht als Problem, sondern als Chance zu begreifen

Betrachtet man Bildung aus der Perspektive der Inklusion, so impliziert dies eine Verschiebung: das Problem wird dann nicht beim Kind, sondern im Bildungssystem gesehen. Frühere Sichtweisen betonten, dass die Ursache von Lernschwierigkeiten beim Lernenden zu suchen sei, und ignorierten dabei die Einflüsse der Umgebung auf das Lernen.

Heute gilt, dass die Reorganisation der regulären Schulen innerhalb der Gemeinden durch Schulverbesserungen und einen Fokus auf Qualität das effektive Lernen aller Kinder sichert, auch jener Kinder, die als sonderpädagogisch förderbedürftig eingestuft wurden, hierzu stellt die UNESCO-Kommission folgendes fest:

Eine inklusive Schule muss eine Vielzahl von Arbeitsmethoden und individuelle Förderung bieten, um sicherzustellen, dass kein Kind von Schulgemeinschaft und aktiver Beteiligung ausgeschlossen ist. Dies impliziert die Entwicklung von kinderfreundlichen Schulen, die auf Grundrechten basieren. Eine rechtsbasierte Bildung hilft Kindern dabei, ihre Rechte zu begreifen. Eine solche Bildung ist nicht nur im akademischen Sinne effektiv, sondern auch inklusiv und schützend für alle Kinder. Sie berücksichtigt Gender-Aspekte und ermutigt Lernende wie auch Eltern und Gemeinden, sich einzubringen. Die Unterstützung von Lehrern und Schuldirektoren ist dabei wesentlich, aber auch die Unterstützung durch die jeweilige Gemeinde ist unerlässlich. Alle müssen fähig und willens sein, Inklusion im Klassenzimmer und beim Lernen für alle Kinder sicherzustellen, unabhängig von deren Verschiedenheit.

Der Blick aus der Perspektive der Inklusiven Bildung ändert die Wahrnehmung erheblich: nicht das Kind, sondern das Bildungssystem wird als das Problem gesehen. Inklusive Bildung von hoher Qualität ist das beste Mittel, um Lerndefiziten unter Jugendlichen und Erwachsenen vorzubeugen.

Heute muss noch ein enormer Aufwand betrieben werden, um angemessene Bildung und Ausbildungsprogramme für die Jugendlichen sicherzustellen, denen diese bisher vorenthalten wurden.

Wenn Lehrer, Verwaltung und Regierungsvertreter den Gemeinden gegenüber für die Inklusive Bildung aller Kinder durch formelle institutionalisierte Mechanismen verantwortlich sind, werden sich auch die Menschen vor Ort stärker für die Verbesserung von Schulen interessieren und eher bereit sein, sich selbst für diese Aufgabe zu engagieren. Diese Verbindlichkeit kann auch die Schaffung von Partnerschaften mit externen Partnern wie dem Privatsektor bedeuten. Auf diese Weise gehen Veränderungsprozesse und die Stärkung ausgeschlossener Gruppen Hand in Hand, wenn es darum geht, die Inklusive Bildung aller Lernenden zu erreichen. Oft beinhaltet dies auch die Entwicklung von alternativen und non-formalen Lernformen innerhalb eines ganzheitlichen Bildungssystems, um Inklusion auf allen Ebenen zu fördern.

Die wichtigsten Anliegen und Handlungsfelder sind die folgenden.

1. Einstellungsänderung und politische Entwicklung,

Inklusion erfordert häufig eine Veränderung von Einstellungen und Werten der Menschen. Solch ein Wandel braucht Zeit und erfordert erhebliche Neubewertungen von Konzepten und Rollenverhalten. Die Bewusstseinsbildung sollte sowohl mit einem besseren Verständnis von inklusiver Bildung einhergehen als auch mit einer toleranteren und verständnisvolleren Gesellschaft. Nationale Richtlinien zu Inklusion, lokale Unterstützungssysteme, geeignete Curricula und Assessments sind wichtig, um den notwendigen Kontext für Inklusion zu schaffen.

Bildungsinstitutionen dürfen sich nicht als die alleinigen Experten für Bildung begreifen. Expertise muss nicht in jeder Schule direkt verfügbar sein, aber es ist wichtig, dass jederzeit auf externe Kompetenzen zugegriffen werden kann, wenn sie benötigt werden. Dies setzen einige Länder um, indem sie einen graduellen Übergang von Sonderschulen zu Förderzentren einleiten. Die Lehrer dieser Förderzentren unterstützen das regionale Regelschulsystem und bieten den Familien Beratung für die Förderung ihrer Kinder an.

Lehrer, andere Pädagogen, unterstützendes Personal, Eltern, Kommunen, Schulbehörden, Entwickler von Curricula, Bildungsplaner, der Privatsektor und Ausbildungsinstitute sind sehr wichtig für die Förderung von Inklusion. Einige (Lehrer, Eltern und Kommunen) sind noch mehr als das: Sie sind unverzichtbar, um alle Aspekte des Inklusionsprozesses zu unterstützen . Dies erfordert den Willen, Vielfalt zu akzeptieren und willkommen zu heißen, sowie innerhalb als auch außerhalb der Schule eine aktive Rolle im Leben der Schüler einzunehmen. Zentralen Fragen dabei sind:

  • Ist das Konzept Inklusive Bildung gut bekannt und akzeptiert?
  • Übernehmen Eltern eine aktive Rolle im Bildungssystem?
  • Wurden Programme gestartet, um ein Bewusstsein für inklusive Bildung zu schaffen?
  • Werden lokale Gemeinden und der Privatsektor darin bestärkt, inklusive Bildung zu unterstützen?
  • Wird inklusive Bildung als wichtiger Faktor für die ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung begriffen?
  • Sind Kompetenzen an Sonderschulen oder anderen Institutionen verfügbar, die in der Unterstützung von Inklusion erfahren sind?

2. Gestaltung eines inklusiven Curriculums

Ein inklusives Curriculum spricht die kognitive, emotionale, soziale und kreative Entwicklung eines Kindes an. Es basiert auf den vier Säulen der Bildung des 21. Jahrhunderts – Lernen, Wissen zu erwerben, Lernen, zu handeln, Lernen, zusammenzuleben und Lernen für das Leben. Es spielt eine entscheidende Rolle in der Förderung von Toleranz und von Menschenrechten und es ist ein wirksames Instrument, um kulturelle, religiöse, geschlechtsspezifische und andere Unterschiede zu überwinden.

Ein inklusives Curriculum berücksichtigt Geschlecht, kulturelle Identität und sprachlichen Hintergrund. Negative Stereotypen werden nicht nur in Schulbüchern, sondern auch – was noch wesentlich wichtiger ist – in den Einstellungen und Erwartungen der Lehrer durchbrochen. Multilinguale Ansätze, in denen die Sprache als fester Bestandteil der kulturellen Identität eines Schülers verstanden wird, können eine Quelle für Inklusion sein. Darüber hinaus hat muttersprachlicher Unterricht in den ersten Schuljahren eine positive Wirkung auf die Lernleistungen.

  • Werden Prinzipien wie Anti-Diskriminierung, Wertschätzung von Vielfalt und Toleranz durch das Curriculum gefördert?
  • Sind Menschenrechte und Kinderrechte Teil des Curriculums?
  • Thematisiert das Curriculum die Koexistenz von Rechten und Pflichten?
  • Ist das Curriculum inklusiv für alle Kinder?
  • Ist der Inhalt des Curriculums relevant für die Bedürfnisse und Zukunft von Kindern und Jugendlichen?
  • Sind die Programme, Lernmaterialien und Lehrmethoden gut angepasst und relevant für das Leben von Jugendlichen und Erwachsenen?
  • Erlaubt das Curriculum Variation bei den Arbeitsmethoden?
  • Unterstützt das Curriculum Bildung in den Bereichen Gesundheit und Ernährung?
  • Beinhaltet das Curriculum HIV/AIDS-Präventionsunterricht?
  • Ist das Curriculum sensibel für Geschlecht, kulturelle Identität und sprachliche Hintergründe?
  • Diskutiert das Curriculum Bildung für nachhaltige Entwicklung?
  • Reflektiert das Curriculum weitere Entwicklungsvisionen und -ziele im jeweiligen Land?
  • Wird Feedback gesammelt und für reguläre Überarbeitungen des Curriculums genutzt, um neue Visionen und Umstände in Betracht zu ziehen?

3. Lehrer und Lehrerausbildung

Auf welche Weise Lehrer unterrichten, ist zentral für jede Reform, die die Verbesserung von Inklusion zum Ziel hat. Lehrer müssen sicherstellen, dass jeder Schüler Instruktionen und Arbeitsmethoden versteht. Ebenso muss der Lehrer die Reaktionen des Schülers auf den Unterricht verstehen, weil Unterricht nur relevant ist, wenn der Schüler sich die Inhalte aneignet. Lehrer müssen daher in Hinblick auf diese Anforderungen ausgebildet werden.

Lehrer und Führungskräfte in Schulen müssen ermutigt werden, Lernen und Lehren sowie Methoden und Möglichkeiten ihrer Weiterentwicklung zu diskutieren. Sie müssen Gelegenheit erhalten, ihre Praxis gemeinsam zu reflektieren und die Methoden und Strategien in ihren Klassen und Schulen zu beeinflussen. Lehrer müssen ebenfalls mit neuen Curricula vertraut gemacht und darin ausgebildet werden, angemessen auf Schülerleistungen einzugehen. Ein Curriculum, welches das Kind in den Mittelpunkt stellt, zeichnet sich durch die Abwendung vom Auswendiglernen hin zu einer stärkeren Betonung von praktischem, erfahrungsbasierten, aktiven und kooperativen Lernen aus.

Die Einführung von Inklusion als grundlegendes Prinzip hat erhebliche Implikationen für Gewohnheiten und Einstellungen von Lehrern – sei es gegenüber Mädchen, langsamen Lernern, Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf oder Kindern mit unterschiedlichen kognitiven, ethnischen oder sozioökonomischen Voraussetzungen. Eine positive Einstellung von Lehrern zu Inklusion hängt stark von ihren Erfahrungen mit denjenigen Lernenden ab, die sie als „Herausforderung“ wahrgenommen haben.

Die Ausbildung, die Verfügbarkeit von Unterstützung im Klassenzimmer, Klassengröße und Arbeitsbelastung sind ebenfalls Faktoren, die die Einstellung von Lehrern beeinflussen. Negative Haltungen von Schuldirektoren, Schulinspektoren, Lehrern und Erwachsenen (Eltern oder andere Familienmitglieder) sind wesentliche Barrieren für Inklusion. Es wird die Einstellungen und Leistungen von Lehrern daher positiv beeinflussen, wenn all diese Personen bestärkt und mit neuem Selbstvertrauen sowie mit Kompetenzen ausgestattet werden, um Inklusion als Leitprinzip einzuführen.

Zentrale Fragen in diesem Zusammenhang sind die Folgenden:

  • Gibt es ausreichend ausgebildete Lehrer im ganzen Land, die angemessen eingesetzt werden?
  • Ist der Unterricht inklusiv und schützend für alle Kinder, berücksichtigt er Gender-Aspekte und ermutigt er zu aktiver Teilnahme der Lernenden?
  • Wird berufliche Entwicklung und Motivation der Lehrer durch Anreize und laufende berufliche Weiterentwicklung gefördert?
  • Wird Mehrsprachigkeit willkommen geheißen, wird insbesondere die Wichtigkeit von muttersprachlichem Unterricht in den ersten Schuljahren anerkannt?
  • Sind die Lernumgebungen sicher und gesundheitsförderlich?
  • Sind die Unterrichtsmethoden interaktiv?
  • Sind die Unterrichtsmethoden für bestimmte Altersklassen angepasst (Kinder, Jugendliche, Erwachsene)?
  • Werden Lehrer ermutigt, in Teams zu arbeiten?
  • Ist die Arbeit projektorientiert oder ist der Unterricht überwiegend theoretisch?
  • Entsprechen die Unterrichtsmaterialien den Bedürfnissen aller Lernenden mit Lern- Schwierigkeiten (Sehbehinderungen, Hörbehinderungen, etc.)?
  • Werden Lehrer ermutigt, mit Eltern und Zivilgesellschaft zu kooperieren?

4. Unterstützung des Politikkreislaufs

Inklusive Bildungssysteme und Gesellschaften können nur Wirklichkeit werden, wenn die Regierung sich der Problematik bewusst ist und sich ihrer Lösung verpflichtet fühlt. Dazu müssten Größe und Eigenschaften der Population außerhalb der Schule eingehend analysiert werden und die Inklusion der Betroffenen in qualitativ hochwertigen Unterricht und andere Bildungs- und Ausbildungsprogramme sichergestellt werden. Solche Analysen erfordern häufig verbesserte Datensysteme und Datenerhebungsmethoden.

Dass Regierungen die Verantwortung übernehmen, würde sich auch darin zeigen, dass geeignete rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, die in Einklang mit den relevanten internationalen Übereinkommen und Empfehlungen stehen. So wird sichergestellt, dass Inklusive Bildung richtig und ihrer internationalen rechtlichen Verankerung gemäß verstanden wird. Die Priorität von inklusiver Bildung in nationaler Politik, in Planung und Umsetzung sollte sich sowohl in nationalen Budgets widerspiegeln, als auch in der Nachfrage für Entwicklungshilfe bei internationalen Partnern und dem Privatsektor. Geeignete Methoden des Monitoring und der Evaluation müssen umgesetzt werden, um die Wirkung inklusiver Bildungspolitik auf den Lernenden, das Bildungssystem und die gesamtgesellschaftliche Entwicklung zu eruieren.

Assessment-Strategien müssen ausgearbeitet werden, die eine Entwicklung hin zur Inklusion unterstützen . Die Europäische Agentur für Entwicklungen in der Sonderpädagogischen Förderung (European Agency for Development in Special Needs Education) hat beispielsweise Indikatoren entwickelt, die folgendes betonen:

  1. Alle Schüler sollten das Recht haben, an allen Prüfungen beteiligt zu sein, solange sie relevant und an die Bedürfnisse der Schüler angepasst sind.
  2. Eine Eingangsdiagnostik der Schülerbedürfnisse sollte nicht allein darüber entscheiden, wie Ressourcen verteilt werden.
  3. Rechtliche Definitionen und aus ihnen abgeleitete Bewertungen, die auf medizinischen Ansätzen oder Defizit- Modellen basieren, führen zu Labelling und Kategorisierungen, die häufig zu Segregation und getrennten Einrichtungen führen.
  4. Eine Reform des Curriculums sollte die Lernbedürfnisse und nicht die Inhalte in den Mittelpunkt stellen.

Soweit eine kurze Abhandlung über meine Vorstellung von Wichtigkeit und Umsetzung der Inklusiven Bildung. Der politische Kontext muss über die Lobbyarbeit in unterschiedlichen Gremien und allen Parteien unterstützt werden, jede Partei hat die Umsetzung der UN-Konvention in ihrem Parteiprogramm.

Ich erachte es für sehr hilfreich, weiterhin proaktiv Konzepte und Pläne zu erstellen, und in diesen Konzepten der Sozialraumorientierung eine große Bedeutung zuzuschreiben, der Frage, was mit der eigenen Vernetzung aller Betroffenen erreicht werden kann. Neben Geldspenden, die Löcher in Etats und Geldbeutel reißen, kann man auch Bildungsspenden anbieten und fordern – die kosten den Gebenden nichts, können aber mit geeigneten Auszubildenden große Erfolge erzielen.

Es ist abzusehen, dass die Regierung mit Bildungsministerin Heinisch-Hosek die Umsetzung der integrativen Regelschule aus Kostengründen fallen lassen wird, oder zumindest einen Großteil davon. Ob es richtig ist oder nicht, mit eigener Kraft und Kreativität die Versäumnisse der Politik an den Symptomen zu kurieren, das sei dahingestellt – die Lebenshilfe Österreich ist jedoch nicht verantwortlich für die Republik Österreich.

Sie hat der Republik einen Stufenplan mit Maßnahmen zur Umsetzung der Inklusiven Bildung geliefert, ist aber nicht für die Umsetzung des Planes verantwortlich, wenngleich die Lebenshilfe an jeder geeigneten Stellen die Umsetzung einfordern sollte. Daher geht meine Forderung in die Richtung, mit geeigneten Investoren und Fundraisern ein Konzept zu entwickeln, bei dem die Win-Win-Situation ganz eindeutig dargelegt werden kann, und bei dem wir selbst die ersten Schritte unternehmen und Inklusive Bildung bei uns selbst vorantreiben.

8 Kommentare

  1. Couragierter Ansatz, mutige Schlussfolgerung mit dem Ende des Herumjammerns und der Inangriffnahme der Aufgaben.

    Sie haben Recht, wir dürfen nicht auf die Anderen zeigen und sagen, wie wenig Unterstützung wir bekommen, sondern müssen das Problem der Finanzierung selbst couragiert angehen und neue Wege suchen.

    Meine Unterstützung haben Sie, und meine Mailaddresse schicke ich Ihnen.

  2. Im Kopf weit entfernte UNESCO-Fakten einmal in unsere Wirklichkeit geholt. Besonders interessant ist Ihr Statement für Eigeninitiative im letzten Teil.

  3. Ein sehr langer Artikel, bei dem ich das Gefühl habe, wir seien auf dem Weg in die Gegenrichtung unterwegs. Danke für die Zusammenstellung

  4. Artikel nicht nur interessant sondern zeitlich genau passend zum heutigen UNESCO-Welttag des Buches….ein kleines ABER…vieles, was das UNESCO-Bildungsprogramm fordert ist nicht nur logisch, sondern auch nachweislich effektiv(er)…

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