HIRN: Sprechen über Beeinträchtigungen

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Im Stern steht ein schöner Artikel, manche kritisieren zwar zu recht eine amerikanische Haltung in dem Artikel, aber das meiste ässt sich auch zu uns transferieren.

Wie spricht man also mit Eltern über ihr Kind und dessen Behinderung, ohne Gefühle zu verletzen? Dazu braucht es nur ein bisschen Empathie.

Hier sind zehn Dinge, die man so lieber nicht sagen sollte. Ist Ihr Kind etwa behindert?” Wer über ein Stückchen Empathie verfügt und gewissen Wert auf politische Korrektheit legt, wird diese Frage so nicht stellen wollen. Nur: Wie dann? Die Amerikanerin Dr. Darla Clayton, selbst Mutter eines Sohnes mit zerebraler Bewegungsstörung, war genervt von den Reaktionen auf ihr Kind und machte sich im Internet Luft. Die US-Ausgabe der “Huffington Post” veröffentlichte Dr. Claytons Liste mit Kommentaren, die man bei Eltern von Kindern mit Behinderung besser nicht machen sollte. Weil sie aber nicht nur motzen, sondern auch helfen will, hat die Mutter und Psychologin akzeptablere Alternativen mitgeliefert.

“Wir alle kränken Menschen, die uns wichtig sind, durch gedankenlose Worte (…) Und wir alle reagieren unterschiedlich auf Dinge, die uns gesagt werden”, so Dr. Clayton. “Während für mich diese Alternativen absolut okay wären (…) vermute ich, dass es Eltern von Kindern mit Behinderung gibt, die auch davon genervt wären. Aber ich denke, die meisten würden übereinstimmen, dass sie besser sind als die ursprünglichen Aussagen.”

Es ist eigentlich ganz einfach: Hier sind aus der Liste zehn Dinge, die Sie nicht zu Eltern von Kindern mit Behinderung sagen sollten.

1. “Er sieht so normal aus. Man sieht gar nicht, dass was nicht stimmt.” Was wohl als Kompliment gemeint ist, wirkt leicht wie das Gegenteil. Besser: “Er sieht super aus, Sie müssen sehr stolz auf ihn sein.” Oder auch: “Ich wusste nicht, dass er dieses Problem hat. Er sieht großartig aus.”

2. “Ist das genetisch?” Hier kommt es laut Dr. Clayton auf die Umstände an; in einem privaten, ausführlichen Gespräch passt diese Frage besser als im Supermarkt. Noch besser jedoch wäre: “Weiß man, was seine spezielle Herausforderung verursacht hat?”

3. “Da wächst er doch noch raus, oder?” Nein, tut er nicht. “Die meisten Eltern mussten irgendwann das Verdrängen aufgeben und diese Tatsache akzeptieren. Das heißt aber nicht, dass es nicht schwer für uns ist und uns nicht traurig macht”, so Dr. Clayton. Die angenehmere Alternative in diesem Fall: “Wie entwickelt er sich grad?” oder “Welche neuen Fähigkeiten hat er inzwischen dazugelernt?”

4. “Ist es Ihre Schuld, dass er im Rollstuhl sitzt?” Das ist ganz offensichtlich nicht sonderlich feinfühlig, findet auch Dr. Clayton und würde “Wie kommt es, dass Ihr Kind einen Rollstuhl braucht?” vorziehen. Aber auch hier kommt es laut der Psychologin auf die Situation an.

5. “Der Neffe des Cousins meines Bruders hat Autismus, also weiß ich, wie das ist.” Dieser Kommentar fußt laut Dr. Clayton auf dem sehr menschlichen Wunsch, Erfahrungen teilen zu wollen. Doch das kommt nicht immer gut an, schließlich sind Erfahrungen – gerade in solchen Fällen – immer höchst individuell. Besser: “Ich kenne ein anderes autistisches Kind, er steht echt auf Züge. Was mag Ihr Kind denn besonders gern?”

6. “Warum haben Sie danach nicht mit dem Kinderkriegen aufgehört?” Das ist eine sehr persönliche Entscheidung, die nicht erklärt werden kann und muss – ungeachtet einer aufgetretenen Behinderung. Dr. Claytons Vorschlag: “Ich hatte gar nicht auf dem Schirm, dass Sie zehn Kinder haben. Ich wette, die halten Sie ganz schön auf Trab.”

7. “Gott gibt einem nur, was man auch ertragen kann.” Das klingt anmaßend. Alternative: Hilfe anbieten. “Ich bin hier, wenn du mich mal brauchst.”

8. “Ich weiß echt nicht, wie Sie das machen. Also, ich könnte das ja nicht.” “Für mich fühlt es sich komisch an, wenn ich Komplimente dafür bekomme, dass ich mich um die grundlegenden Bedürfnisse meines Kindes kümmere”, sagt Dr. Clayton. Besser in diesem Fall: “Sie sind eine tolle Mutter, Ihre Kinder sind so höflich.” Oder auch: “Sie müssen so stolz auf ihn sein, er ist ein großartiges Kind.”

9. “Wie um alles in der Welt hat er sich beide Beine gebrochen?” Wenn man nicht sicher sein kann, ob es ein Kind mit Behinderung ist – lieber erst mal vorsichtig nachfragen. Und dann auch einfach mal etwas ansprechen, das nicht in direktem Zusammenhang mit der mehr oder minder offensichtlichen Behinderung steht. Zum Beispiel ein schickes T-Shirt. Oder coole Turnschuhe.

10. Krankheits- und Behindertenwitze jeder Art, zum Beispiel: “Ich bekomme gleich einen epileptischen Anfall.” Laut Dr. Clayton sind Eltern behinderter Kinder oft sehr empfindlich, besonders bei Verwendung des Ausdrucks “behindert” als Pöbelei. Verständlicherweise. Also auch, wenn es nicht böse gemeint ist: lieber lassen. Oder anders fluchen. “Ich flippe gleich aus”, geht doch auch.

Und ein Extra-Tipp: Komplimente ohne Bezug auf die Behinderung des Kindes machen. Also statt: “Ihr Sohn hat wirklich eine tolle Stimme für ein Kind mit Behinderung” einfach: “Ihr Sohn hat wirklich eine tolle Stimme.” Über ehrlich gemeinte Komplimente freuen sich nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder – mit und ohne Behinderung.

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