ESSAY: Ortswechsel | Der Umzug, oder: Alles muss weg

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Am 9. März essayierte Johannes Ullmaier im Deutschlandfunk über die Qual des Umzugs, und als mehrfach Betroffener kann ich ihn schmerzlich verstehen.  Das Essay lässt sich im DLF nachhören.

Ich muss umziehen. Alles, was hier steht, muss weg. Ding für Ding. Bis dann und dann. Da und da hin. Die Zukunftsmenschen haben keine Dinge mehr. Ich dafür umso mehr. Vor allem Bücher, Schallplatten und DVDs. Vergangenheit.

Ich muss umziehen. Alles, was hier steht, muss weg. Nichts darf bleiben, wo es ist. Die Dinge nicht. Und ich nicht. Bis dann und dann müssen wir weg sein. Ding für Ding. Ich inklusive. Was immer hier nicht Boden, Wand und Decke ist, es muss von hier nach anderswo. Einzeln und in der Gesamtheit. In der kurzen Zeit, die bis zum Wegseinmüssen bleibt, muss ich mich mit meinen Dingen auseinandersetzen. Über alles muss entschieden werden. Und das Urteil muss am Ende immer gleich sein: Weg! Weg mit mir. Weg zu anderen. Oder weg in den Müll. Und je mehr Dinge, und je kürzer die Zeit, desto kruder das Gericht. Der Umzug macht mich zum Standrichter über meine Dinge. Unfreiwillig. Wie der Umzug selbst.

Doch ich darf nicht klagen. Eigenbedarfskündigung hin oder her. Druck zu spüren, weil ich zu viele Dinge in zu kurzer Zeit bewegen muss, zeigt doch bloß, wie privilegiert ich bin: Wie viele Menschen haben überhaupt keine Bleibe, weder eine alte noch eine neue. Wie viele werden gekündigt, ausquartiert, vertrieben – ohne Aussicht auf ein neues Heim. Und wie viele haben keine Dinge oder so wenige, dass sie kaum ins Gewicht fallen. Wie viele schließlich können sich, mit oder ohne Dinge, gar nicht selbst bewegen, weil sie zu alt, krank oder eingesperrt sind. Jeder Umzug ist dagegen schon ein Privileg. Ob gewollter oder Zwangsumzug, Zusammenziehen oder Trennung, ob allein, als Paar, Familie oder Gruppe, ob über den Ozean oder ins Nachbarhaus, ob die neue Bleibe größer oder kleiner, teurer oder billiger, schöner oder hässlicher ist. Überhaupt umziehen zu können, ist schon Luxus. Alle Probleme, die man dabei haben kann, sind Luxusprobleme. Umzugsgejammer ist Luxusgejammer.

So wie ein guter Teil des bürgerlichen Feuilletons, der bürgerlichen Gegenwartskultur, der bürgerlichen Wirtschaftsseiten, Talkshows, Sachbuch‑Bestseller und Online-Diskussionen auch.

Aber was ändert das? Schließlich bin ich selber schuld, dass ich so viele Dinge habe. Geschenkte, gekaufte, gefundene, geerbte. Mehr als zum Überleben nötig. Sehr viel mehr. Dieses Mehr ist meine Schuld. Die jeweils aktuelle Summe aus der Schuld des Inbesitznehmens von Dingen. Plus der Schuld des Sie-Behaltens. Durch den Zuwachs werde ich nach und nach zum Esel meiner Dinge. Um beim Umzug plötzlich die gesamte Schuldenlast auf meinem Rücken zu verspüren. Und unter ihr zu ächzen. Doch darüber jammern? Nein, das wäre paradox. Jammern könnte ich allenfalls darüber, dass ich nicht mal jammern darf. Weil ich ja selber schuld bin.

Larmoyantes Selbstmitleid ob eigener Schuld. Auch damit wäre ich freilich nicht allein, sondern durchaus im Trend. Und in illustrer Gesellschaft.

Hilft jetzt aber alles nichts. Denn egal wie tapfer oder wehleidig ich bin. Die Dinge müssen fort. So oder so. Jede Minute, die ich nicht schon plane, sichte, rubriziere, aussortiere, etikettiere, prospektiere, organisiere, vorpacke und zwischenstaple, ist verloren. Erhöht den Druck. Bringt mich näher an die Katastrophe. An den Umzugs-GAU. Dass der Umzugswagen kommt, der Eigentümer vor der Tür steht, zum Termin – und nichts ist fertig, nichts ist klar. Was soll wohin? Was kommt zuerst? Was passt in welche Kiste? Wie viele Kisten werden gebraucht? Warum steht das hier noch rum? Was ist mit dem da? Und mit dem da? Und mit dem? Ich weiß es nicht. Ich kann nicht mehr. Ich liege im Chaos. Auf dem Bauch. Es tut mir leid, Herr Eigentümer. Werfen Sie mich bitte mit in den Container. Nichts für ungut.

Besitzfesseln am Bein

Dann doch lieber gleich den Sperrmüll rufen. Einfach alles auf die Straße. Weg damit. Was immer es auch sei. Egal. Nur leichter werden. Mich befreien. Von dieser Dingkugel. Besitzfessel am Bein. Ich gehe jetzt. Auf Nimmerwiedersehen.

Ich gehe jetzt spazieren.

Übersprungs- und Panikfantasien, sicher. Denn sowie ich mich nur umsehe, fallen mir sofort Dinge in die Augen, die ich ungern missen würde. Schöne Dinge, nützliche Dinge, Dinge voller Erinnerungen.

Die mir viel zu wichtig sind, um sie nicht mitnehmen zu wollen.

Das Problem sind weniger die einzelnen Dinge als ihre Totalität. Die ich nicht mehr heben, nicht mehr stemmen kann. Und die ich so nie intendiert habe. Denn bekommen oder aufgehoben hab ich schließlich jedes Ding für sich. Nicht deren Gesamtheit. Die hat sich heimlich aufaddiert. Sich quasi hinter meinem Rücken aufgetürmt. Bei jedem Einzelding kann ich erklären, warum es da ist. Sehe mich auch nicht als Messie. Für das Ganze fällt mir das dagegen schwer. Vor allem jetzt, wo es bewegt sein will. Der Umzug malt ein dickes Minus vor die Summe meiner Dinge. Eine Summe, die ich so nie wollte.

Ausreden. Natürlich wollte ich auch die Summe. Nicht als ob ich jedes Ding stets parallel benutzen könnte, alle Teller, Bücher, Hosen gleichzeitig. Doch genieße ich die Mannigfaltigkeit des Möglichen, die ihr Hiersein mit sich bringt. Den Luxus ihrer Potenzialität.

Aber genau da liegt der Fehler. Denn die Potenzialität ist virtuell. Die Dinge aber sind real. Das ungelesene Buch im Schrank ist ein Versprechen. Doch einen Schrank voll ungelesener Bücher x-mal umzuziehen und dann zu sterben, ist absurd. Etwas für Sisyphos. Für einen Masochisten seiner Möglichkeiten. Aber nicht für mich.

Also weg mit all den sowieso nie mehr getragenen, egal wie feinen Hemden. Weg mit dem nur alle Jubeljahre benutzten, egal wie festlichen Fondue. Weg auch mit den alten Unterlagen, die ich bloß aus Angst aufhebe. “Könnte noch mal wichtig werden.” “Könnte noch mal Freude machen.” Jedes “Könnte” ein Kilo. Und jedes Kilo zu viel. Wer das wie ich zu spät kapiert, ist irgendwann verloren. Wird zum Idioten seiner Dinge. Smarte Leute kontrollieren deren Zu- und Abfluss so, dass sie beim Wohnen nie zu wenig und beim Umzug nie zu viel haben.

Wohlverdiente Strafarbeit für überbordenden Besitz

Naja, die wirklich smarten Leute passen eher auf, so wohlhabend zu sein, dass ihnen solche Mittelschichts-Weisheiten wurscht sein dürfen. Denn so wie der Umzugsstress von unten aus gesehen ein Luxus ist, die wohlverdiente Strafarbeit für überbordenden Besitz, wirkt er von oben her betrachtet lächerlich.

Dass jemandem seine Behausung nicht gehört. Dass man nicht mehrere Häuser oder Wohnungen zur Auswahl hat. Dass diese Unterkünfte nicht beliebig viele Dinge fassen. Dass man unfreiwillig umziehen muss. Und diesen Umzug möglichst sparsam angehen. Ohne alles blitzblank schlüsselfertig vorzufinden.

Aus der Sicht des aktuellen Neofeudalismus klingt das alles wie ein blöder Witz. Warum ist der Depp nicht einfach reich genug, dass er sich sein Räsonieren schenken und so viele Dinge horten oder transportieren kann, wie oder wohin er will? Wo ist das Problem?

So gesehen läge meine Schuld bloß im Budgetmangel. Nicht in irgendeinem Dingverhältnis. Zu viele Dinge zu besitzen, ist in der allgemeinen Klassenideologie der Gegenwart ein Vorwurf an die Mittelklasse abwärts.

Entsprechend wird die dynastisch angeschwollene Bibliothek des Adelssprösslings als natürliche Gegebenheit, als Ausdruck seines Stands bestaunt. So wie der bombastische Oldtimer- oder Skulpturenpark des Oligarchen. Während der Bafög‑Bezieher umgekehrt bereits als Sonderling erscheint, wenn sich in seiner Mini-Bude mehr als hundert Bücher stapeln. Und selbst der tütenüberpackte Obdachlose Argwohn weckt: Was fällt ihm ein, dass er so viele Tüten hat?

Was fällt mir ein, dass ich so viele Dinge habe?

Schleppen können oder schleppen lassen können. Das ist hier die Frage.

Die Masse meiner Dinge nimmt mit der Zeit fast automatisch zu

Freilich wird mir diese Klassenlage auch erst jetzt bewusst. Wo sie mich direkt betrifft. Solange ich mich und meine Dinge nicht bewegen musste, fühlte ich mich einfach “klassenlos”. “Normal.” So wie die ganze unbewegte Mittelschicht.

Dabei gibt es in Umzugsdingen keine Norm. Höchstens einen Term mit vielen Variablen. Wovon Reichtum sicher eine ist. Eine andere wäre: Alter.

Als Kind ist man noch selber eher ein Ding. Wird angezogen. Ausgezogen. Und gegebenenfalls auch umgezogen. Erst in dem Maß, wie man autonom wird, übernimmt man auch beim Umziehen selber die Regie. Manche früher, manche später. Manche nie. Was wiederum von zwei konträren Variablen abhängt: der Verwurzelung und dem Fernweh.

Einerseits: Was hält mich? Tradition? Familie, Liebe, Freunde, Landschaft? Der Hof, die Firma, das Schloss? Heimatglück, Gewohnheit, Angst oder Bequemlichkeit? Oder vielleicht doch – nichts?

Andererseits: Was drängt mich fort? Enge, Langeweile, Horror? Ein Ausbildungs- oder Berufsziel? Hoffnung auf Abenteuer, Autonomie und fernes Glück? Oder vielleicht doch – nichts?

Je nachdem, wo und wie ich auf die Welt komme, werde ich entweder ständig, manchmal oder nie umziehen. Und meine Dinge also ständig, manchmal oder nie bewegen müssen. Was nicht ohne Einfluss auf mein Dingverhältnis bleiben wird. Denn je häufiger ich weg will oder muss, desto weniger werde ich zu schleppen haben wollen.

Unabhängig davon aber nimmt die Masse meiner Dinge mit der Zeit fast automatisch zu.

Ausnahmen sind Krieg und Katastrophen, Diebstahl und Verlust. Oder ein Habitus des konsequenten Austauschens und Ausrangierens. Hans im Glück. Bloß ohne Glück.

Meistens aber kreuzen sich auf Dauer zwei Tendenzen:

Das Gewicht des zu Bewegenden wächst an.

Und die verfügbare Bewegungsenergie nimmt ab.

Beim Studentenumzug merke ich noch gar nichts. So schwerelos und stark bin ich. So leicht meine paar Dinge. Und so stark und zahlreich meine Freunde und Helfer.

Doch mit jedem weiteren Umzug wird es schwerer. Alles: Ich. Die Dinge. Und das Akquirieren der Helfer. Die selbst immer schwerer werden.

Oder teurer.

Beim letzten Umzug nehmen alle gleich viel mit

Früher oder später ist der Punkt erreicht, wo ich nicht mehr selber umziehen kann. Nur noch umgezogen werden.

Wie als Kind.

Was dann noch an Dingen mitkommt, hängt zwar wieder stark vom Umfeld und Budget ab. Aber die Tendenz ist klar.

Beim letzten Umzug nehmen alle gleich viel mit.

So weit bin ich aber jetzt noch nicht. Sondern offenbar knapp vor oder knapp nach dem Punkt des Nicht-Mehr-Umziehen-Könnens. Oder Nicht‑Mehr‑Umziehen-Wollens. Was in unserer flexiblen Turbowelt natürlich einer Kapitulation gleichkäme. Einem Offenbarungseid. Immobil zu sein. Verrostet. Kraftlos. Fett.

Und was ich mir auch gar nicht leisten kann. Denn wer kein Eigenheim bewohnt, muss umzugsfähig sein. Sich am besten immer stets von vornherein und permanent gleich wieder auszugsfertig einrichten.

Möglichst viel gar nicht erst auspacken. Sondern lieber alles in den Umzugskisten lassen. Die Geräte in den Originalverpackungen. Die Instrumente in den Koffern. Und die Bücher eingeschweißt.

Wer das nicht tut, wer sich zu sehr verströmt, verankert, installiert, wer seine Dinge allzu innige Symbiosen mit der Wohnung eingehen lässt, den ereilt der nächste Umzug wie die Nemesis. Als Rache für die Hybris unzulässiger Verwurzelung und Provisoriumsvergessenheit.

Also Leinen los und auf, ihr Dinge! Alle mir nach!

Doch die Dinge wollen mir nicht folgen. Stellen sich stur. Ihre Trägheit, die beim Wohnen für mich war, kehrt sich beim Umzug gegen mich. Zu spät begreife ich das Selbstverständliche: Dass mit den Dingen wohnen heißt, sie einzeln bewegen zu können. Während mit ihnen umziehen heißt, sie alle bewegen zu müssen. Beim Wohnen kontrolliere ich sie. Beim Umzug kontrollieren sie mich.

Die Dinge machen also, was sie wollen.

Und das Einzige, was sie von sich aus wollen, ist: kippen, fallen, durcheinanderkommen.

Ich greife eine Handvoll Bücher aus der Reihe im Regal. Will sie in die Kiste packen. Doch der Rest der Reihe kippt zur Seite. Ich versuche, ihn mit der zweiten Hand zu stabilisieren. Komme knapp zu spät. Einzelne Bücher fallen vorn aus dem Regal. Manche auf den Boden, manche in die Kiste. Ich bücke mich, um sie zu ordnen. Dabei fallen mir die Bücher aus der ersten Hand. Und weitere aus dem Regal. Mir auf den Kopf. Alles ist unten. Alles durcheinander. Einiges zerdetscht. Hinknien. Aufsammeln. Retten, was zu retten ist.

Die Dinge nutzen jede Möglichkeit, mir klarzumachen, dass ich selber auch ein Ding bin.

Jetzt die nächste Bücherreihe. Auch sie will fallen. ALLES WILL FALLEN. Alles will ins maximale Chaos.

Selbstverstümmelung

Der Gott der Dinge ist die Entropie. Ihr gehorchen sie. Ihr wollen sie sich opfern. Doch diesmal hindere ich sie. Besiege ihren Gott.

Und will doch selber fallen.

Und bin doch selber durcheinander.

Meine ganze Energie wird jetzt dafür gebraucht, die eigene Häuslichkeit zu demolieren. Sie in eine Unbehaustheit, eine Kisten- und Verpackungshölle zu verwandeln. Und das alles bloß, um irgendwann wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Aus dem Minus bestenfalls wieder auf Null zu kommen.

Gelingen kann das nicht. Es gibt Verluste. Abhängig von Hast und Ungeschicklichkeit und Pech. Zerbrochenes, Zerrissenes, Zersplittertes, Zerknittertes.

Ruinen des passiven Dingwiderstands.

Und naturgemäß sind es die zarteren Dinge, die vor der Totalmobilmachung als erste desertieren.

Durch Selbstverstümmelungen.

Die sie sich durch mich zufügen.

Alle meine Ordnungen geraten durcheinander. Aber schlimmer noch: Auch alle meine Unordnungen müssen geordnet werden. Die Stapel des Aufgeschlagenen, Abgelegten, Angelagerten. Für andere schiere Schlamperei. Für mich jedoch fragile Sedimentschichten des mehr oder weniger Präsenten, Anliegenden, Noch-Nicht- bzw. Nie-Ganz-Wegzuräumenden. Die intuitiv gewachsene Greifbarkeits- und Abstandsordnung meiner Dinge.

Die mit deren Anzahl und dem Raum – oder besser: den Räumen, wo sie sich verteilen, zunehmend komplex geworden ist. Und gleichzeitig im Zuge der Gewöhnung nach und nach aus meinem Kopf in meine Körperautomatik ausgelagert wurde. Deshalb weiß “ich” davon gar nicht viel. Doch meine Schritte, Griffe, Wunschroutinen finden – oder besser: fanden sich durchaus darin zurecht.

In welchem Küchenschrank steht also welcher Topf? Wo ist der süße Senf? Und wo der scharfe? So weit weg? Wieso?

Schwer zu erklären.

Wo ist der vorvorletzte Bankauszug?

Da irgendwo.

Wo irgendwo?

Moment, ich muss kurz selber gucken.

Chaos?

Sicher. Aber doch mein Chaos.

Bitte nicht berühren.

Der Umzug wird so zum Schnellgericht

Diese halbbewusste Halbordnung, Niederschlag und Ausdruck meiner Feedbackschleifen mit den Dingen, meiner individuellen Mixtur aus Spleen und Pragmatismus, kurz: mein Wohnen selber, kann nicht umgezogen werden. Das Arrangement der halbgefüllten Kaffeetasse auf dem Dies-und-Jenes-Stapel kann nicht umgezogen werden.

Oder allenfalls zum Preis vollkommener Verklumpung und Vermüllung.

Also wird jetzt aufgeräumt, abgetragen, kategorisiert, vereindeutigt, entschieden. Alles Unklare, Schwebende, Vertagte liquidiert. Jedes Ding gewogen, für zu leicht oder zu schwer oder ok befunden. Und an seinen rationalen Ort verbracht.

Bis zum eigentlichen Umzug darf von meinem Wohnen nichts mehr übrig sein.

Dabei wäre eine Generalbewusstmachung und Tiefeninspektion der eigenen Dinge im Prinzip ja durchaus eine Utopie. Als Inventur und Katharsis des eigenen Lebens. Wo jeder Brief, jedes Buch und jedes Sockenpaar so oft und gründlich zu studieren und probieren, so allseitig und allumfassend zu erwägen wäre, bis das Ding entweder wohlbedacht entfernt werden oder bis zur nächsten Grund‑Selbst‑Reinigung seinen perfekten Platz erhalten könnte. Eine Art Idealumzug. Mit oder ohne Ortsveränderung. Auf jeden Fall ohne Termin. Und ohne Alltagsstress.

Ob ich damit bis zum Lebensende fertig würde? Ob ich dazu Lust hätte? Ich weiß es nicht.

Was ich weiß, ist: Der Termin steht. Und der Alltag hört nicht auf. Der Idealumzug wird so real zum Schnellgericht. Zum Lesen oder Anprobieren ist keine Zeit. Für Plädoyers noch weniger. Die Urteile sind gruppenweise und ad hoc zu fällen. Justizirrtümer inbegriffen. Revisionen ausgeschlossen.

Ob den Dingen selbst das alles ganz egal ist? Logisch. Dass ich sie so eifrig personifiziere, soll mich bloß von meiner eigenen Verdinglichung zum Umzugsroboter ablenken. Das Ding an sich ist tot. Das Ding an sich ist dumm. Eben deshalb fordert es für jede nichtdumme Bewegung meine Zuwendung und Lebenskraft. Beim Einpacken, beim Um- und Zwischenstapeln, beim Transport.

Und beim Auspacken noch einmal umgekehrt.

Dümmer als Dinge selbst ist nur noch ihr Besitzer. Der die materialistische Dialektik von Besitzen und Besessen-Werden ignoriert hat.

Aber sind die Dinge wirklich unterschiedslos dumm? Der IKEA-Sitzsack genauso wie die Spinoza-Werkausgabe?

Absolut. Was ich an Unterschieden wahrnehme, sind wieder bloß Vermenschlichungen.

Für diese Perspektivverzerrung habe ich zwei Erklärungen. Eine Besondere und eine Allgemeine.

Im Moment des Umzugs fallen mir alle Legitimationen auf die Füße

Die erste hängt mit der individuellen Schlagseite meines Dingkosmos zusammen. Jeder Dingsünder hat seine eigene Achillesferse. Die einen häufen Antiquitäten an. Andere Kleider oder Schuhe. Wieder andere Hobbywerkzeug. Oder Porzellan. Möbel. Technik. Akten. Kunst. Modelleisenbahnen. Matchbox-Autos. Oder ALLES.

Bei mir sind es “Kulturträger”. Vor allem Bücher, Schallplatten, CDs und DVDs. Dingspeicher für mehr oder weniger geistige Gehalte.

Wie alle mittelständischen Dingsünder habe auch ich für deren beschämende Übermasse entschuldigende Rationalisierungen parat. Für andere wie vor mir selbst. “Ich brauche sie für meine Arbeit.” “Möchte kulturell autark sein.” “Interessiere mich dafür.” “Will die Produzenten unterstützen.” Und so weiter.

Im Moment des Umzugs fallen mir alle diese Legitimationen auf die Füße. Wie “die Kultur” buchstäblich selbst. Ausgerechnet sie ist es, die mich mit ihrer paradoxen Ding-Dummheit herunterzieht. Mir meine Erdenschwere vorführt.

Wenn es wenigstens Aquarien, Obelisken oder Bleisoldaten wären. Wo die Schwere wesentlich dazugehört. Den Dingsinn mit konstituiert.

Bei “Kulturträgern” dagegen ist die Differenz von Ding und Sinn per se absurd. Nur dass sie bei kleineren Dingen und geringer Anzahl nicht so ins Gewicht fällt.

Dementsprechend macht ein Reclam-Heftchen auf den ersten Blick für viele einen klügeren Eindruck als ein Schwamm. Wirkt relativ gesehen vielleicht auch klüger als ein fetter Foliant. Wo die Diskrepanz von schwerelosem Geistgehalt und kiloschwerer Schwartigkeit bereits am Einzelding akut wird.

Um wie viel eklatanter und grotesker aber öffnet sich die Schere angesichts von umzuziehenden Bücherwänden! Oder abertausender von Schallplatten! Gravitation und Gravität. Gebirgsmassive des Geistigen und Flüchtigen.

Gipfel des Absurden.

Dabei ist die Bücherwand de facto auch nicht dümmer oder klüger als ein Felsklotz. Oder jedes andere Ding. Die Eindrucksunterschiede rühren bloß aus der Choreografie ihrer Vermenschlichung. Während der amorphe Felsklotz seine Dummheit nicht verbirgt – und eben darin wieder klug erscheint, geben sich “Kulturträger” im Wohnzustand besonders klug – und wirken so beim Umzug umso dümmer.

Überboten wieder nur von der Entgeisterung ihres menschlichen Pendants. Ihres Kulturträgers. Besitzträgers. Kulturbesitz-Umherträgers.

Was zur zweiten, allgemeineren und aktuelleren Erklärung für die Blickverzerrung hinsichtlich der Dummheit meiner Dinge führt. Denn das Gegenteil von “dumm” ist schon lange nicht mehr “klug”. Sondern “smart”. Für die Dinge wie die Menschen gleichermaßen.

Und aus Sicht des smarten Zeitgenossen wirken meine Umzugsschwierigkeiten noch burlesker als für jene, die qua Reichtum oder Heiligkeit über den Dingen stehen.

Alle Schallplatten digitalisieren

Kulturgebirge zu versetzen – was für ein närrischer Anachronismus! Ist das Kulturträgerproblem doch mittlerweile längst gelöst. Niemand muss mehr tonnenweise Speichermedien horten oder schleppen. Wer es trotzdem tut, soll seinen Umzug als Kulturerbe bei der UNESCO anmelden. Kann sich als analoger Sisyphos fürs Wachsfigurenkabinett bewerben.

Ernstzunehmen ist er nicht mehr.

Smart wäre gewesen, alle Schallplatten zu digitalisieren. Alle Bücher einzuscannen. Oder gleich alles durch E-Books oder Downloads zu ersetzen. Und die Daten dann mit denen der CDs und DVDs auf ein paar Festplatten zu sichern und zu ordnen. Die klobigen Kultur-Altlasten dabei laufend zu entsorgen oder an Liebhaber zu veräußern. Also erst verlustfrei leicht und reich zu werden. Um dann mühelos die neue Wohnung zu beziehen.

Doch wozu noch Festplatten? Noch smarter wäre es gewesen, alles in die Cloud zu laden. Die ja immer schon in jeder neuen Wohnung ist. Kein Einpacken, kein Auspacken. Alles gleich wieder parat.

Wenn es nicht eh schon frei im Netz steht.

Dem allpräsenten All-Archiv für alle.

Was die Kultur betrifft, sind alle früheren Dichotomien von Fülle und Mangel, Leichtigkeit und Schwere, Ding und Geist weitgehend überwunden. Dank der Technik. Die Quadratur des Kreises ist geglückt.

Allerdings nur im Prinzip. Denn erstens funktioniert es in der Realität nicht immer so.

Zweitens vertausche ich die Last meiner Kulturdinge so nur mit neuen Abhängigkeiten. Von der Kurzlebigkeit und Anfälligkeit digitaler Medien. Oder der Güte allmächtiger Cloud-Verwalter oder Netz-Beherrscher. Die mich – mehr als meine dummen Dinge – nach Belieben lenken, überwachen, aussperren und erpressen können.

Drittens verliere ich so alles, was an den Kulturträgern als Dingen wichtig, schön und teils auch funktional war. Ihren manchmal essenziellen Anteil am Werk selbst. An dessen Wirkung.

Ferner ihren Wert und ihre Würde. Ihre Haptik und Geschichtlichkeit.

Und nicht zuletzt die Möglichkeit, sie in der Badewanne zu benutzen. Oder wütend zu zertrampeln.

Indes ahne ich, dass solche Souveränität und solcher luxuriöser Fetischismus in der heraufziehenden Smartwelt nur noch exzentrischen Oligarchen zugestanden werden wird. Die anderen sollen gefälligst smart genug sein, sich so atavistische Kulturding‑Wonnen gar nicht mehr erst anzugewöhnen. Sondern sich auf ihre smarten Displays, smarten Brillen und smarten Implantate zu fixieren. Was sie auch gern und ohne Weiteres tun werden. Die Zukunftsangestellten brauchen keine Bücher mehr.

So gesehen bestünde meine Dingschuld letztlich darin, nicht am allgemeinen Umzug in die Smartwelt teilgenommen, sondern mich an meinem überholten, im vergangenen Jahrtausend eingeübten Ding-Kulturverhältnis festgekrallt zu haben. Statt meine Bestände immer brav ins jeweils neueste Medium umzutopfen, als digitaler Sisyphos, habe ich mich mit ihnen selbst vergnügt. Um nun dumm und alt auf meinen dummen alten Dingen festzusitzen. Zur Strafe dafür, noch nicht in der Cloud zu sein.

Alles in die Cloud

Während die Welt ringsum sich rasend schlau macht. Und zwar nicht nur die Kulturdinge. Sondern genauso auch die Dingdinge, deren Funktion weitgehend an die materielle Welt gebunden bleibt. Die Kühlschränke, Betten, Schuhlöffel und Duschvorhänge. Auch sie werden auf ihre Weise smart.

Und was wäre es jetzt für ein Segen, wenn sie schon smart genug wären, um alleine umzuziehen! Wenn ich dem Kühlschrank und den anderen Dingen bloß die neue Adresse mitteilen müsste und danach in Urlaub fahren könnte. Und dann wiederkäme, in die neue Wohnung – und alle Sachen stünden fertig da. Und sängen ein Begrüßungsständchen. Später würde jedes Ding erzählen, wie es hergekommen ist: ob per Drohnenflug, im Google-Auto oder mit dem öffentlichen Nahverkehr.

Oder noch einfacher: In jeder neuen Wohnung steht standardmäßig ein 3D‑Drucker. Wo ich mir die Dinge aus der alten Wohnung einfach wieder ausdrucke. Die Daten dafür habe ich auf dem USB-Stick. Oder in der Cloud.

Und meine alten Dinge? Bleiben in der alten Wohnung. Wo sie automatisch eingeschmolzen werden. Für den Nachbewohner. Der sich daraus seine Dinge neu ausdruckt. Umweltschonend und bequem.

Auch hier entstehen natürlich neue Fährnisse: Was, wenn die mobilen Umzugsdinge die Adresse falsch verstehen? Und statt nach Kapstadt zu Karstadt übersiedeln.

Wenn der Großbildschirm beim Drohnenumzug abstürzt? Und womöglich jemanden verletzt?

Oder wenn aus dem 3D-Drucker statt meiner Barlach-Plastik eine Diddlmaus herauskommt? Weil er spinnt. Oder gehackt wurde.

Wie immer wird es solche Fälle geben. Wie immer werden die Maschinenstürmer sie skandalieren. Doch wie immer werden es im Nachhinein bloß Einzelfälle oder temporäre Störungen gewesen sein. Am Ende siegen doch Komfort und Effizienz.

Sodass selbst ich mit meinem Old-School-Umzug gar nicht unbedingt zu spät dran wäre. Sondern eher knapp zu früh. Womöglich ginge schon in ein paar Jahren alles wie von selbst. Vielleicht gibt es bis dahin Nachrüst-Tools für selbstschwebende Kunstbände. Oder doch einfach smarte Roboter, die alles regeln.

Andererseits muss ich froh sein, wenn die Dinge nicht zu schnell zu smart werden. Sowie sie nämlich smart genug sind, selber umzuziehen, werden sie vielleicht auch smart genug sein, selber zu entscheiden, wann, wohin, mit wem. Und wer sagt mir, dass die Dinge mich dann nicht beim nächsten Umzug stehenlassen?

Doch bevor es so weit kommt, ziehe ich vorher lieber insgesamt, als Mensch, schon um. Aus meiner Wohnung in die Cloud. Aus meinem Körper in meine Prothesen. Und aus meinem Hirn in meine Apps. Ein Auszug aus der menschlichen Begrenztheit und Beschwernis in die smarte Leichtigkeit und Freiheit. Nicht nur die eigenen Dinge, auch die eigene Dinglichkeit muss weg. Bloß nicht der Letzte sein. Denn wer als Letzter leicht wird, kracht durchs Eis.

Aber wer weiß? Womöglich zählen die eigenen Dinge und die eigene Dinglichkeit inzwischen zum Humansten, was wir haben. Und das Beste, was wir tun können, ist, die letzten Dinge vor den letzten Menschen zu bewahren. Oder für sie. Ding und Mensch zu präparieren für den Umzug.

Denn die Zeit läuft ab.

Sie kommen.

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