HIRN: Wie unterscheiden sich Pseudo-Skeptiker von Skeptikern?

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Ein Gastbeitrag von aargks.

Wie unterscheiden sich Pseudo-Skeptiker von Skeptikern?
Teil 1 von 3: Die verräterische Sprache

Was braucht es, um viel zu reden und nichts zu sagen? Esoterik, Verschwörungstheorien oder eine beliebige Regierungserklärung. Letzteres soll jetzt nicht das Thema sein. Viele Pseudos entlarven sich nach ein paar Sätzen. Denn: Der Pseudo-Skeptiker mag’s gern kompliziert, leidet an Adjektivitis und kommt nicht auf den Punkt. Er liebt Bandwurmsätze und versucht auf diese Weise, mit sprachlichen Nebelkerzen davon abzulenken, dass seine Behauptungen unhaltbar sind. Das ist das erste Merkmal, an dem man Pseudos schnell identifizieren kann. Das zweite sind die immerselben Phrasen und Schlagwörter.

Warum mögen oder können Pseudos nicht verständlich schreiben? Die Abzocker machen es ganz bewusst, um vom nicht vorhandenen Inhalt ihres Geschwurbels abzulenken. Die Mitläufer eher unbewusst, um sich mit ihrem kompliziertem Stil einen intelligenten Anstrich zu geben. Nach dem Motto: Hui, weiß ich viele Fremdwörter, dann muss ich ja recht haben. Hast Du aber nicht! :-)

Neben dem Sprachdschungel der Pseudos kommt früher oder später das immer gleiche Geschwafel. Hier meine Liste an Wörtern und Phrasen, bei denen ich hellhörig werde:

Feinstofflich: Hört sich kuschelig an, da fühlt man sich gleich geborgen. Und was bedeutet feinstofflich? Nix.

Alternativ: Es ist immer schön, eine Alternative zu haben. Eine alternative Medizin hebt sich von der Medizin ab, weil, ja weil, warum denn nun? Weil sie nicht wirkt. Auch eine Alternative.

Schulmedizin: Gegenbegriff zu Alternativmedizin (s.o.) Ist böse, und der Pseudo kennt sogar das Wort Allopathie dafür (geprägt von Hahnemann im Übrigen).

Namhafte Wissenschaftler haben herausgefunden, dass“: Sehr schön. Welche? Kann Pseudo nicht sagen. Nachweise? Arbeiten? Nix.

Ich stelle nur Fragen“: Ja, ist klar. Wer mit dieser Phrase ankommt, schiebt oft ein Konvolut an wirren Behauptungen hinterher.

Quantenphysik: Ist wahnsinnig schwer für mich zu verstehen. Was ich aber sehr wohl verstehe ist: Schwurbler, die aus der Quantenphysik „alles ist möglich“ ableiten, haben noch weniger als ich davon kapiert. (Erinnerung an mich selbst: mal einen Artikel schreiben, weshalb Schwurbler sich immer so gerne an die Naturwissenschaften ranwanzen). Der Physiker Martin Bäker hat in seinem Blog “Hier wohnen Drachen” eine schöne Einführung geschrieben.

Galileo wurde auch ausgelacht“: Scheinargument .Galileo wäre von der Inquisition am liebsten auf dem Scheiterhaufen geröstet worden für seine logisch schlüssige Erklärung für die Sache mit der Sonne und wer sich um was dreht. Genau diese schlüssige Erklärung fehlt den Pseudos, was sie aber nicht daran hindert, sich jammernd in ihre Märtyrerecke zu hocken und mit dem Fuß aufzustampfen.

Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde“: Hamlet wird auch gerne missbraucht. Pseudo meint damit: Ich kann keine Physik, hab mir was einfacheres ausgedacht, und weil ich es mir vorstellen kann, muss es wahr sein. Und stampft mit dem Fuß auf. Leider kann er nix belegen.

Die Wissenschaft weiß auch nicht alles“: Ja. Das ist aber kein Argument, dass Eso-Schwurbeleien im Gegenzug korrekt sind.

Altes Wissen“: hat ein ganz wesentliches Problem – es ist meist falsch. Denn der Witz an Wissenszuwachs besteht darin, altes Wissen zu prüfen und gegebenenfalls zu revidieren. Sonst würden wir heute noch nach der guten alten Viersäfte-Lehre an den Pocken verrecken. By the way: Huhu, „alte“ Höbbaddie©, schon lange (200 Jahre ca.) nix mehr dazugelernt, waswas?

Dogmatisch: Ist laut Pseudo Wissenschaft, Medizin und eben alles, was nicht sofort auf seinen Zug aufspringt.

Du bist nicht offen für “: Yep, denn wer offen für alles ist, ist nicht ganz dicht.

Fakt ist,…“: Mist. Meist. Bei so einer Einleitung, lohnt es sich, die Ausgangslage mal zu testen.

Denk mal drüber nach“: Ich kann diesen Satz nicht mehr hören. Wird gerne zum Abschluss einer wahnwitzigen „Logik“ angebracht.

Teil 2 von 3: Das Benehmen

Im Vergleich zum ersten Teil, wie man Pseudos an der Sprache erkennt und welche Phrasen sie nutzen, wird der zweite Teil sehr kurz. Denn Pseudos haben keine Diskussionskultur, geschweige denn Kinderstube. Und wie durch ihre Sprache entlarven sie sich auch durch ihr Benehmen: Pseudos stellen keine Fragen, und wenn sind sie rhetorischer Natur. Pseudos wollen keine Antworten erhalten oder differenzierte Überlegungen anstellen, sondern akzeptieren nur die Bestätigung ihres Quarks.

Pseudos beantworten auch keine Fragen, sondern weichen aus und gehen nie auf die Sache ein. Pseudos belegen ihre Behauptungen nicht, kommen aber immer, immer, immer (!!!eins!!elf!) mit der Beweislastumkehr an. Und zu guter Letzt: Pseudos hauen nach kurzer Diskussion stets allgemeine Pöbeleien, persönliche Beleidigungen oder Unterstellungen raus, wenn ihnen argumentativ die Puste ausgeht (was in der Regel ganz schnell geht).

3. und letzter Teil: Wissen alles über alles

Im ersten Teil ging’s um die Sprache, im zweiten ums Benehmen. Zum Abschluss geht’s darum, dass Pseudos wirklich und immer den totalen Durchblick über alles haben. Im Gegensatz zu mir Dummchen: Es gibt einen derartigen Haufen an Sachen, zu denen ich keine Meinung habe, weil ich mich noch nie damit beschäftigt habe. Weil sie mich nicht interessieren (Rosenzucht), mir das Fachwissen fehlt (Wirtschaftswissenschaften) oder ich zu doof dafür bin (Millennium-Probleme). Nicht so der Pseudo: Er weiß immer alles über alles. Und je länger man mit ihm spricht, je mehr er zu allem etwas zu sagen hat, desto mehr wird deutlich: Keine Ahnung, aber ne Meinung.

Das nervt mich. Mich nerven ganz allgemein Leute, die immer über alles Bescheid wissen und endlos dozierend vom Hölzchen aufs Stöckchen kommend labern und labern und labern. Die nur deswegen sprechen, damit sie nicht Gefahr laufen, denken zu müssen. Bei Pseudos und Paras wird’s dann richtig geschmeidig.

Cranks sind ein schönes Beispiel: Zuerst erklären diese Parawissenschaftler dir die Physik Ihre Wunschvorstellung, werfen Naturgesetze über den Haufen und erzählen, weshalb Newton, Keppler und Einstein sowieso total auf dem Holzweg gewesen sind.

Jetzt wissen die Cranks aber nicht nur über Naturwissenschaften Bescheid, sondern auch über Politik: Denn dass ihre bahnbrechenden Erkenntnisse ignoriert werden, liegt nicht daran, dass ihr Perpetuum Mobile nicht funktioniert, sondern daran, dass sie von Politik und Wirtschaft unterdrückt werden.

Wenn der Crank sich dann in seine Verschwörungstheorie einschwingt, kommt ganz schnell eines der Lieblingsthemen der Szene, 9/11: Da wird der Crank dann zum Statiker, Werkstoffexperten und Flugzeugbauer. Aber auch hier werde von Geheimdiensten natürlich alles unterdrückt, denn die Geheimdienste und überhaupt alle, ganz besonders die Medien, sind gesteuert von Illuminaten oder sonstigen Geheimgesellschaften. Denn diese verfolgen das Ziel, die Menschheit auszurotten oder wenigstens zu manipulieren, weshalb sie auch mittels HAARP oder BAR-Code die Gedanken kontrollieren (wie der nun zum Mediziner mutierte Crank selbstverständlich auch weiß).

Undsoweiter undsobla. Wer schon einmal mit einem Esoschwurbler gesprochen oder im Netz diskutiert hat, merkt, dass sich diese Alleswisser auskennen in Physik und Chemie, Neurologie und Pharmakologie, Politik und Wirtschaft, Astronomie und Mathematik, Kultur und Medien, Geschichte und – ach, und sogar in der Rosenzucht.

Das müssen ganzschön tolle Burschen und Burschinnen sein. Warum hat das noch keiner gemerkt?

3 Kommentare

  1. Hallo Andreas,

    ein/e aufmerksamer Leser/in hat einen Fehler entdeckt, bei “Nicht so der Skeptiker: Er weiß immer alles über alles. Und je länger man mit ihm spricht, je mehr er zu allem etwas zu sagen hat, desto mehr wird deutlich: Keine Ahnung, aber ne Meinung.” muss es natürlich heißen “Nicht so der Pseudo”

    Ich hab’s bei mir drüben schon geändert.

  2. Das „Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde…“ ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich Nichtlesenkönnen und Angeberei zu lächerlichster Borniertheit ergänzen. Selbst wenn wir Shakespeare mal voraussetzungshalber als Autorität der Welterklärung ansehen wollen (und der Maxlrainer neigt unverholen dazu, wenngleich er dem Autoritäts”beweis” nichts abgewinnt) kann es magische Weltanschauung nicht stützen. Denn Shakespeare, der Dramatiker der Klassenlage des elisabethanischen Absolutismus, läßt ja Hamlet so sprechen, den Prototypen und Stellvertreter des Kleinbürgertums, irrational, zaudernd und, wenn einmal in Gang gekommen, rasend vor Mordlust über jedes Maß und Ziel hinaus. Eine durchaus zeitlose Charakterisierung und wenn ich´s bedenke, eigentlich für die von Ihnen so schön abschätzig Pseudos titulierten doch ganz passend.

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