HIRN: Kreationistenzerlegung I | Ein Drittel der US-Amerikaner sind Kreationisten

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Manchmal haut es mir wirklich den Schädel weg, wenn ich so in den Blogs herumlese und die vorhandenen Hirndübel von anderen nicht herauszuziehen vermag. Manchmal bringe ich das gelesene in Korrelation mit:”Ah, da war doch was…?”

So auch beim hervorragenden Beitrag von Cornelius Courts, einem Biologen aus Bonn, er hat in Köln studiert und promoviert. Zur Zeit arbeitet er am Institut für Rechtsmedizin der Universität Bonn als Forensischer Genetiker. Er befasst sich mit dem Plötzlichen Kindstod, DNA-Spuren im Waffenlauf und forensischer Micro-RNA-Analytik.

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Der Blogbeitrag erinnerte mich an einen Austauschschüler aus den USA, der fassungslos war ob unseres fehlenden Verständnisses über die Authenzitität von Jurassic Park, natürlich hätten Dinos und Menschen zusammen gelebt. Sagt sein Vater, der Republikaner auch immer, und nicht nur im Bibelunterricht. Nein, ich schreibe nicht über Religion macht doof – das überlasse ich anderen :-)

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Von diesem Drittel der Amerikaner handelt der Blogbeitrag:

Ich habe mich schon zu Gründerzeiten dieses Blogs zum Kreationismus positioniert, den es in unterschiedlichen Erscheinungsformen, man könnte sagen „Schweregraden“, vom urknallkompatiblem „Intelligent Design“ bis hin zum Hardcore-Junge-Erde-Kreationismus, gibt, und danach nicht mehr viel darüber geschrieben, da ich meine Zeit nicht mehr damit vertun wollte. Seine Befürworter haben schließlich nie und nirgends auch nur ein einzigen Beleg, der gegen die Evolutionstheorie (ET) und für Existenz und Einwirken eines Schöpfers spräche, vorgelegt und daher gab es  meiner Ansicht nach – in Deutschland – wichtigere Dinge, als auf dem modernden Kadaver des Kreationismus herumzustampfen. In den USA, die noch als führende Wissenschaftsnation zu bezeichnen sind, lagen und liegen die Dinge allerdings anders, denn ausgerechnet dort floriert der Kreationismus seit jeher und wird von großen Teilen der Bevölkerung akzeptiert. Und obwohl seine Vorkämpfer immer wieder vor Gericht verlieren und Wissenschaftler wie P.Z. Myers und L. Moran seit Jahren flammend gegen ihn und seine Folgen anschreiben, scheint der Kampf einfach nicht zu gewinnen sein.

Das US-amerikanische Sozialforschungsinstitut Pew Research Center legte unlängst eine Studie vor, die, wie schon ähnliche Studien in den Jahren 2005 und 2009, Aufschluss über die Ansichten der Amerikaner zu Evolution und Religion geben sollte. Das Ergebnis finde ich erschreckend: man kann, verkürzt ausgedrückt, den Republikanern regelrecht beim Verblöden zusehen.

Doch der Reihe nach. Ein Drittel der Amerikaner glauben nicht an Evolution, sondern daß der Mensch in seiner heutigen Form von einem Schöpfer geschaffen wurde. Weitere 24% glauben zwar, daß es Evolution gibt, daß diese jedoch von einem Schöpfer geplant und in Gang gesetzt worden sei. Insgesamt sind damit 57% der Amerikaner Inhaber eines schöpferabhängigen Weltbildes.

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Besonders interessant wird es, wenn man die Ergebnisse nach religiöser oder politischer Zugehörigkeit auftrennt, denn so dokumentiert sich die in den USA weiter fortschreitende Frontenbildung und –verhärtung zwischen Wissenschaft und Religion, Ratio und Fundamentalismus: 2013 lehnten 54% der Republikaner die ET ab, ganze 11% mehr als noch 2009, während bei den Demokraten die Zahl der ET-Ablehner sogar von 30% auf 27% im Jahr 2013 sank. Diese Verdummung bei den Republikanern hat aber vermutlich weniger mit einer Änderung individueller Meinungen als mit einer Änderung der Zusammensetzung der Partei durch Abwanderung Gemäßigter und einen Zustrom von Strenggläubigen und Fundamentalisten zu tun.

Sieht man sich die Religionszugehörigkeit an, bestätigt sich das Bild, denn die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gruppe, egal welcher, ist deutlich mit dem Glauben an göttliche Einwirkung assoziiert:

Religion / Menschen / Evolution

Demnach lehnen 64% der weißen Evangelikalen, bei denen fundamentalistische Glaubensvorstellungen sehr verbreitet sind, die ET ab. Auch die schwarzen Protestanten liegen mit 50% Ablehnung der ET über dem Bevölkerungsmittel von 33%.

33% und 36 % aller weißen Protestanten und Katholiken, sowie die Mehrzahl der schwarzen Protestanten und weißen Evangelikalen, die die ET nicht ablehnen, glauben aber zumindest, daß ein „höchstes Wesen“ die Evolution steuert, bei den Bekenntnisfreien sind das nur 13%.

Das alles passt zum US-amerikanischern Trend einer sich immer weiter teilenden Kluft zwischen, im weitesten Sinne, Wissenschaft/Vernunft und Religion/Irrationalität und die zugehörigen politischen Lager waren kaum je schärfer abgegrenzt und weniger vereinbar. Wie sonst wäre zu erklären, daß die Republikaner wahrhaftig Kreaturen wie einen Rick Santorum als ernstgemeinten Präsidentschaftskandidaten aufstellten, der neben zahllosen anderen Unsäglichkeiten einem Publikum in Florida kund tat, daß „die Linken“ die Universitäten ja nur dazu benutzen würden, um „die Jungen zum Zwecke des Machterhalts zu indoktrinieren“ und das sei auch der Grund, warum „Obama wolle, daß jedes Kind auf’s College geht“. An den Universitäten, so Santorum und als sei das etwas Schlechtes, gingen immerhin 62% der vormals gläubigen Studenten ihres Glaubens verlustig (in der Tat: die Pew-Studie zeigt, daß nur 24% der amerikanischen College-Absolventen gegenüber 51% derer, die nie ein College besuchten, die ET ablehnen).

In Deutschland sind wir von derartigen Zuständen noch etwas entfernt, was aber nicht heißt, daß kein Anlaßzur Sorgebestünde. Ich sehe aber grundsätzlich eine große Gefahr darin, im Sinne eines Sägens am Ast, auf dem man sitzt, wenn in einer Wissensgesellschaft und Forschernation wie (ehemals?) den USA Ignoranz, mutwillige, ideologisch geprägte Verweigerung wissenschaftlicher Bildung und ein Dünkel gegen und höhnischer Verzicht auf Bildung ganz allgemein nicht nur salonfähig sondern regelrecht zur Tugend erhoben werden. So, als wäre der ideale Bürger immer noch der einfache, aufrechte amerikanische Farmer aus Gründerzeiten, der mit schwieligen Händen ehrliche, harte Arbeit verrichtet, für die es keines Studiums bedarf und der es mit Fleiß und rechtem Gottvertrauen immer zu etwas bringen wird. Einem Santorum hätte somit das Erkennenlassen wissenschaftlicher Bildung und ein Bekenntnis zu mehr Forschung und Wissen bei seiner eigenen politischen Basis geschadet.

Die Folgen dieser Entwicklung sind nicht nur immer mehr Erstsemestler an amerikanischen Universitäten, deren Ausgangsbildungsstand zu schlecht ist, um ihr angestrebtes Studium zu absolvieren, sondern auch die Beeinflussung der Politik durch zwar kleine aber überproportional einflussreiche Gruppierungen wie der „Tea-Party“, deren Positionen den meisten Westeuropäern z.T. wie eine entglittene Parodie vorkommen würden (vgl. Poes Gesetz).

Ich weiß nicht, ob es eine Lösung oder Befreiung für die USA geben kann, oder ob sie dieser Trend zu Anti-Bildung, Wissenschaftsskepsis und religiöser Bigotterie irgendwann endgültig in den Abgrund reißen wird. Ich will mich hier jetzt auch nicht zu durchaus verdienter Kritik an all den wirklich zahllosen teils kaum erträglichen Unsäglichkeiten in und aus den USA hinreißen lassen aber ich muß zugeben, daß ich länger schon dazu tendiere, dieses völlig fremde, unbegreifliche, monströse Land abzuschreiben…

Ein sehr lehrreicher Artikel, danke dafür.

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