POLITIK: Die Braunäugig-Blauäugig Übung

| Keine Kommentare

Von Jürgen Schlicher

Ein Trainingskonzept zur Thematisierung von Diskriminierung anhand der Augenfarbe

Die Anfänge

Ein ungewöhnliches Konzept zur Thematisierung von Diskriminierung ist die braunäugig-blauäugig-Übung und vermutlich deshalb viel diskutiert worden. Das Seminar-Konzept wurde kurz nach der Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Martin-Luther-King von der Grundschullehrerin Jane Elliott entwickelt. Sie wollte ihren Drittklässlern die Wirkung und Folgen von Ausgrenzung und Diskriminierung verdeutlichen und wusste, dass dies kaum gelingen könne, wenn sie das Thema im Unterricht nur theoretisch behandelt. “Oh großer Gott, bewahre mich davor, einen Menschen zu beurteilen, bevor ich nicht eine Meile in seinen Mokassins gelaufen bin.”, lautete ein Satz, den ein Sioux-Häuptling geprägt hatte, und den Jane Elliott wenige Woche zuvor in ihrem Unterricht behandelt hatte. Theoretisch.

Als sie nun im Fernsehen die Bilder der Ermordung Kings sah, beschloss sie, ihren Schülerinnen und Schülern zu ermöglichen eine Erfahrung zu machen. Sie entschied sich dafür, ihre Klasse nach einem unveränderlichen Merkmal aufzuteilen und über eine der beiden Gruppen all das zu behaupten, was in der gesellschaftlichen Realität behauptet wird über Frauen, Schwule, Lesben, Migrantinnen und Migranten, über Schwarze, über alte Menschen, über Menschen, die anderen Religionen angehören oder andere Lebensentwürfe haben, als die Mehrheit der Gesellschaft. Nur: Auf welches Merkmal könnte man zurückgreifen, das in der gesellschaftlichen Realität nicht benutzt wurde.

Jane Elliott entschied sich für die Augenfarbe und dafür, am folgenden Tag eine ganz andere Art von Unterricht zu durchzuführen. Sie teilte die Gruppe in die Braunäugigen und die Blauäugigen, behauptete über die Blauäugigen, sie seien langsamer, dümmer, fauler, krimineller, aggressiver, emotionaler, hätten eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne, könnten nicht so gut lernen usw.

Gleichzeitig behandelte sie die blauäugigen Schülerinnen und Schüler so, als ob all diese Stereotype stimmen würden. Noch heute sagt Jane Elliott in Interviews und Gesprächen, dass sie nicht weiß, was sie damals mehr erschreckt hat. Die sofortige Übernahme der Stereotype durch die privilegierten Braunäugigen einerseits oder die sichtbare Internalisierung der Vorurteile durch die diskriminierten Blauäugigen andererseits. Jane Elliott beschreibt, dass sich während dieser allerersten Übung, die Weltkarte, die im Klassenzimmer hing beim Herunterziehen löste und – wie schon so oft – nach oben schnellte. Ein Junge in der Klasse reagierte sofort: „Klar, dass ihr das passiert, sie hat ja auch blaue Augen!“ Dieser Satz war nicht vorgegeben, nicht abgesprochen und auch nicht vorgesehen. Jane Elliott spürte, dass Dynamiken im Gang waren die offenbar auch ihre eigene Position als Lehrerin in der Klasse schwächten. Eine blauäugige Mitschülerin merkte jedoch, dass diese „flapsige“ Bemerkung ihres Banknachbarn sich eben nicht nur gegen die Lehrerin, sondern gegen alle Blauäugigen, also auch gegen sie richtete. Sie merkte an, dass Jane Elliott schließlich die Lehrerin sei, also so dumm eigentlich gar nicht sein könne. Wieder kam die Reaktion des Neunjährigen prompt: Ja, aber sie sei eben nur Lehrerin. Der Schulleiter habe braune Augen und deshalb sei er auch der Schulleiter.

Wenige Minuten, nachdem Jane Elliott die Idee von der Möglichkeit der Ausgrenzung anhand der Augenfarbe im Klassenzimmer eingeführt hatte, war sie sichtbares Ideologiemerkmal geworden. Der Klassenraum wurde zu einem Mikrokosmos mit all den Erscheinungen, die ausgrenzende und diskriminierende Gesellschaften oder Gruppen kennzeichnen. Elliott beschloss, die Übung am nächsten Tag ein weiteres Mal durchzuführen, allerdings mit vertauschten Rollen. Besonders frappierend war, dass die jeweils diskriminierte Schüler/innengruppe selbst in dieser nur kurzen und simulierten Umgebung bei allen Aufgabenstellungen wesentlich schlechter abschnitt, als die privilegierte.

Die Ergebnisse des Trainings und die inhaltliche Tiefe der anschließenden Nachbesprechung waren für Jane Elliott so bemerkenswert, dass sie entschied, diese Übung in ihrer Klasse zum festen Bestandteil zu machen. Zwei Jahre später drehte ein Fernsehteam von ABC-News die Dokumentation „Eye of the Storm“, ein bis heute wichtiges Dokument für die Antidiskriminierungsarbeit. Denn der Film zeigt, was mit jungen, intelligenten Schülerinnen und Schülern passiert, die aufgrund einer Stereotypisierung zum Scheitern verurteilt sind. Es zeigt, wie Ausgrenzung funktioniert, welche fatalen Wirkungen sie hat und, wie die Legitimationsstrukturen der Privilegierten aussehen.

Seit 1984 führt Jane Elliott die Trainings nicht nur an ihrer Schule, sondern auch in Behörden, an Universitäten, in Firmen und sogar im Militär durch.

Vom Zeitpunkt seiner Entstehung hat es fast 30 Jahre gedauert, bis Jane Elliotts „Braunäugig/Blauäugig“-Trainingsprogramm seinen Weg nach Europa gefunden hat. Geschichten über das Trainingsprogramm gaben zwar in einigen (englischsprachigen) Schulbüchern Anregung zur Diskussion, angewandt wurde das Konzept bis zum Jahre 1996 in Europa jedoch nie. Doch im Frühjahr 1996 folgte Jane Elliott einer Einladung des Ausländerzentrums Oost-Braabant in Eindhoven, um dort anlässlich der „Internationalen Woche gegen Rassismus“ ein Blue-Eyed-Training abzuhalten. Im Anschluss an diese Übung bildete Jane Elliott TrainerInnen aus, die Teile der Übung bei einem Antirassismus-Programm mit dem Titel „Antirassistische Bootstour“ anwenden sollten. Aufgrund des großen Medienechos, vor allem nach der Fernseh-Ausstrahlung des Filmes „Blue Eyed/Blauäugig“, und des starken Interesses seitens einer Reihe von Einzelpersonen und Institutionen luden die Magenta Foundation (Amsterdam) und das Dokumentations- und Informationszentrum für Rassismusforschung / D.I.R. e.V. (Marburg) Jane Elliott zu weiteren Workshops nach Amsterdam und Berlin ein. Im Mai 1997 kam Jane Elliott zum dritten Mal nach Europa, um weitere Workshops durchzuführen und zwei der von ihr ausgebildeten TrainerInnen zu autorisieren, das „Braunäugig/Blauäugig“-Training in Europa anzubieten.

Knapp 400 Trainings haben die Trainerinnen und Trainer seitdem in auch in Deutschland durchgeführt.

Heutiger Ablauf der Trainings

Das Training gliedert sich in eine Trainings-, eine Auswertung und eine Nachbereitungsphase. Alle Trainings beginnen unvermittelt mit der Aufteilung der Teilnehmenden, die sich, je nach Augenfarbe in eine Liste eintragen sollen. Zum Teil nehmen sich die Trainer das Recht, einzelne Personen in die jeweils andere Gruppe einzuordnen. Schließlich sollen die Teilnehmenden die Möglichkeit haben, neue Erfahrungen zu machen. Helläugige MigrantInnen, oder Menschen mit möglichen anderen Diskriminierungserfahrungen werden der braunäugigen Gruppe zugeteilt. Die Blauäugigen werden – zur Kenntlichmachung mit einem grünen Kragen ausgestattet und mit der Aufforderung, dort zu warten, bis sie abgeholt werden, in einen Warteraum geschickt.
Die Braunäugigen werden nun darauf vorbereitet, die Blauäugigen so wahrzunehmen, wie es den diskriminierenden Klischees der Gesellschaft über diskriminierende Gruppen entspricht. Blauäugige hätten eine Reihe von Defiziten, seien langsam, unkonzentriert, emotionaler, könnten schlechter lernen, hätten eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne, wollten immer ihre eigene Regeln durchsetzen, wollten sich nicht anpassen und so weiter. Häufig erkennen einige in der Gruppe der Braunäugigen, bereits hier die Stereotypisierungen, denen sie täglich ausgesetzt sind. Zwar glaubt nicht unbedingt irgendjemand die Vorurteile, die in dieser Phase über die Blauäugigen verbreitet werden, dennoch bittet der Trainer die Braunäugigen ihre Skepsis beiseite zu legen und einfach so zu tun, als habe der Melaningehalt der Augen etwas mit der Intelligenz zu tun.

Verhaltensweisen von Blauäugigen werden diskutiert und interpretiert. So wird behauptet, Blauäugige hätten Schwierigkeiten, geschlossene Fragen mit Ja oder Nein zu beantworten. In Tests schnitten sie gemeinhin wesentlich schlechter ab als Braunäugige. Auch werden die Braunäugigen gebeten, später zu beobachten, ob irgendwelche der Klischees zutreffen.

Und tatsächlich: Sobald die Blauäugigen in den Raum geführt werden, sich auf die unbequemen Stühle in der Mitte niederlassen und die ersten barschen und unfreundlichen Anweisungen des Trainers erhalten, scheint sich alles zu erfüllen, was den Braunäugigen vorher über die Blauäugigen gesagt wurde.

Der Mechanismus wurde oft beschrieben und nennt sich „selbst erfüllende Prophezeiung“; Einschüchterung und widersprüchliche Aufgabenstellungen sorgen dafür, dass die Blauäugigen in dem Training die Erfahrung machen, dass nichts von dem was sie tun, gut genug ist. Sie erhalten laufend negative Rückmeldungen, jedes individuelle „Fehlverhalten“ eines Blauäugigen wird von der Trainerin pauschalisiert. Verwirrung, Verunsicherung, Aggressivität sind Folge auf Seiten der Blauäugigen. Die Braunäugigen hingegen entwickeln ein irrationales und unbegründetes Überlegenheitsgefühl. Alle Erscheinungen sind wesentlicher Bestandteil der Auswertung.

Nach weiteren 2-3 Stunden wird der Übungsteil beendet. Die „Blauäugigen“ können, um ihre Rolle symbolisch zu verlassen, die grünen Krägen, ablegen. In diesem Moment wird allerdings auch deutlich gemacht, dass „people of colour“ ihre Hautfarbe, und andere Gruppen ihre jeweiligen Merkmale in der Realität nicht ablegen können.
Die Teilnehmenden werden dann gebeten zu notieren, wie sie sich während der Übung gefühlt haben und wie – ihrer Meinung nach – die andere Gruppe ausgesehen hat. Während die Aussagen der „Blauäugigen“ über ihre eigenen Gefühle (z.B. „klein, dumm, frustriert, wütend, hilflos, ohnmächtig, angespannt“, etc.) den Beobachtungen durch die „Braunäugigen“ stark ähneln, ist dies umgekehrt nur selten der Fall. Die Braunäugigen fühlen sich in den Übungen „besser, intelligenter, mächtig, gelangweilt (durch die Blauäugigen), amüsiert, ruhig“, einige auch „mitleidig, schlecht, hilflos“. Von den „Blauäugigen“ werden sie aber meist ganz anders wahrgenommen. So schreiben „Blauäugige“ über die „Braunäugigen“: Sie sahen: „kalt, überheblich, arrogant, besserwisserisch, fies, und gemein“ aus. In der Auswertung wird daher in jedem Falle auch die Rolle der „Braunäugigen“ als Mitläufer angesprochen, als diejenigen, die zulassen, dass Menschen in ihrer Gegenwart diskriminiert werden.

Nachdem die Gefühle und persönlichen Wahrnehmungen der Teilnehmenden thematisiert worden sind, werden deren Workshop-Erfahrungen in direkten Bezug zur Realität gebracht und Vergleiche zu Diskriminierungssituationen in unserer Gesellschaft gezogen (Diskriminierungen im Alltag, durch die Gesetzgebung, Medienberichterstattung, etc.). Allein die „Blueye“-feindlichen Plakate lassen eine ganze Reihe von Vergleichen mit allgemein bekannten und verwandten Sprüchen und Parolen zu.

Ein bereichender Bestandteil des Trainings ist es, wenn sich Betroffene als Teilnehmende des Workshop z.T. erstmalig bereit finden, über ihre eigene Situation zu sprechen, und den Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft verdeutlichen, in welcher Form und Intensität sie alltäglich von Diskriminierungen betroffen sind. Hier erfüllt das Training eine weitere wichtige Funktion. Häufig wissen Angehörige der Mehrheitsgesellschaft nichts von den Diskriminierungen, die anderen widerfahren. Sie wissen nichts von den inneren Kämpfen, den Strategien, den Verletzungen, die alltägliche Diskriminierungen auslösen. Viele Teilnehmende beschreiben die Möglichkeit, sich in dem Workshop auszutauschen auch in dieser Hinsicht als sehr heilsam.
Der Workshop kann zeigen, wie in unserer Gesellschaft diskriminierende Strukturen gelebt und kultiviert werden. Welche Wirkungen Diskriminierung hat, sowohl auf die Diskriminierten als auch auf diejenigen, die Privilegien genießen, derer sie sich oft selbst nicht bewusst sind.

Evaluation

Die Wirkungsweisen solcher Trainings sind nicht immer leicht herauszufinden, zumal bei einem so konfrontativen Konzept die klassische, aber gut zu evaluierende Frage danach, ob sich die Teilnehmenden wohl gefühlt haben, wenig Sinn macht.

In einer neuen Untersuchung schreibt die Psychologin Anja Klitzke (Klitzke 2005) über das Training:
„Grundsätzliches Ziel des „Blue Eyed“ Trainings ist es, sowohl die Funktionsweise als auch die Auswirkung von alltäglicher Diskriminierung und bestehender Machtstrukturen erfahrbar zu machen. Der Workshop ermöglicht Einblicke in die vielfältigen Formen von Rassismus und zeigt notwendige Veränderungen auf individueller und gesellschaftlicher Ebene. Die Teilnehmenden des Trainings sollen, als ersten Schritt zur Veränderung von Diskriminierung, deren Existenz anerkennen und die Entstehungsmechanismen verstehen. In dem Training können alle Charakteristika von Machtkämpfen erkannt werden, die nicht nur bei Diskriminierungen vorkommen. Kern des Trainings ist die Botschaft, dass Nichtstun nicht ausreicht, um Rassismus und Ausgrenzung zu verhindern.“ (S. 20)

Klitzke hat Einstellungsuntersuchungen vor, während und nach Trainings durchgeführt und festgestellt, dass sich die Wirkung des Trainings auf Vorurteile und Empathie nachweisen lässt.
„Subtile und offen geäußerte Vorurteile reduzierten sich. Vor allem die kognitive Empathie steigerte sich. (…) Den Einfluss des Trainings auf Sichtweisen gesellschaftlicher Verhältnisse zeigt eine Verringerung der sozialen Dominanzorientierung in der Trainingsgruppe.“ (S. 143)

In Deutschland und den Niederlanden können die Trainings bei eyetoeye (www.eyetoeye.org) gebucht werden. Dort werden auch Schulungen angeboten, um Trainerinnen und Trainern der Antidiskriminierungsarbeit und im Diversity-Sektor einen professionellen Umgang mit den Filmmaterialien nahe zu bringen.

Und die Neuere Version:

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: