MUSIK: Esther Bejarano & Microphone Mafia im Jazzit

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Gestern im Cristopher Worth Konzert hat mich Harald Gaukel auf eine Veranstaltung im Jazzit aufmerksam gemacht, die heute stattfindet, Esther Bejarano und die Microphone Mafia, und kurz angerissen, wer Esther Bejarano ist.

Heute habe ich mich über Esther Bejarano informiert, und bin seitdem begeistert, da muss ich hin.

Wer ist Esther Bejarano? Ich möchte ein dpa-Interview von 2014 zitieren:

“Ich habe viel Glück in meinem Leben gehabt, ein unheimliches Glück.” – Das sagt ausgerechnet die Frau, deren Eltern und Schwester von den Nationalsozialisten umgebracht wurden; die selbst das Vernichtungslager Auschwitz nur überlebt hat, weil sie im Mädchenorchester spielen durfte: Esther Bejarano. Noch heute kämpft die kleine, nur knapp 1,50 Meter große, aber unheimlich starke Frau, die am Montag (15. Dezember) ihren 90. Geburtstag feiert, mit Konzerten, Lesungen und auf Demos gegen das Vergessen. Vor ein paar Jahren lernte die engagierte Wahlhamburgerin die Jungs von der Kölner Hip-Hop-Band Microphone Mafia kennen und rappt seitdem gemeinsam mit ihnen gegen Rechtsextremismus.

Esther Bejarano wächst wohlbehütet mit ihren drei Geschwistern im damals französischen Saarlouis und später in Saarbrücken auf. “Die Stadt Saarlouis hat mich gerade zur Ehrenbürgerin ernannt”, berichtet sie stolz im dpa-Interview. Ihr Vater war Kantor in der jüdischen Gemeinde und führte sie an die Musik heran. Die Eltern wollten, dass alle ihre Kinder Klavier spielen lernten. “Aber nur ich hatte die Geduld und spielte gerne”, erinnert sie sich. Als 1935 das Saarland wieder an das Deutsche Reich angegliedert wurde, verschlechterte sich die Lage für Juden erheblich. Ihre älteren Geschwister können Deutschland verlassen, sie und ihre Eltern schaffen es nicht mehr.

1941 wurde Esther Bejarano zur Zwangsarbeit in dem Lager Neuendorf bei Fürstenwalde an der Spree einbestellt. Als das Lager Anfang 1943 aufgelöst wird, werden alle Insassen ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert. “Ich bekam die Nummer 41948. Namen wurden abgeschafft, wir waren nur noch Nummern”, schreibt Bejarano in ihrer Autobiografie “Erinnerungen” (Laika Verlag, Hamburg). Auf einem Feld mussten die Häftlinge sinnlos Steine von einer zur anderen Seite schleppen, die 18-Jährige ist sich sicher, dass sie das nicht lange überlebt hätte. “Aber ich hatte Glück, dass in dem Block, in dem ich übernachtete, eines Abends Frau Tschaikowska, eine polnische Musiklehrerin, nach Frauen suchte, die ein Instrument spielen konnten.”

Obwohl sie noch nie Akkordeon gespielt hatte, behauptete das junge Mädchen, Akkordeon spielen zu können, ein Klavier gab es nicht. “Ich versuchte den Schlager “Bel Ami” zu spielen und es gelang mir auch. Das war wie ein Wunder”, erinnert sich Bejarano. Fortan durfte sie im Mädchenorchester von Auschwitz spielen, das jeden Tag die Kolonnen auf ihrem Weg zur Arbeit begleitete. Was sie dort mit ansehen musste, wird sie ihr Leben lang nicht vergessen. Am schlimmsten war für sie, dass sie auch spielen mussten, wenn neue Transporte ankamen, die direkt für die Gaskammern bestimmt waren. “Als die Menschen in den Zügen an uns vorbeifuhren und die Musik hörten, dachten sie sicher, wo Musik spielt, kann es ja so schlimm nicht sein.”

Weil ihre Großmutter Christin war – wieder so ein Glück – wird sie ins Frauenstraflager Ravensbrück verlegt und überlebt den anschließenden Todesmarsch. Nach dem Krieg wandert die junge Frau nach Palästina zu ihrer Schwester Tosca aus. Hier lernt sie auch ihren Mann Nissim kennen, die beiden bekommen die Kinder Edna und Joram. Weil sie mit der israelischen Politik gegen die Araber nicht einverstanden sind, kehrt die Familie 1960 nach Deutschland zurück. Ihre neue Wahlheimat wird Hamburg. Nach anfänglichen Schwierigkeiten (“Jeder hätte ein Nazi sein können.”) lebt sich die Familie langsam ein. Als jedoch Neonazis sie beschimpfen, reicht es Bejarano: Sie bricht ihr jahrelanges Schweigen und wird politisch aktiv, unter anderem im Auschwitz-Komitee.

“Ich weiß, dass es wichtig ist und deshalb mache ich immer weiter”, erklärt Bejarano ihre Motivation. Vor allem die jungen Menschen machen ihr Mut. “Sie sind sehr engagiert und wollen wissen, was damals geschah.” Als die beiden Kölner Rapper Kutlu und Rossi von der Band Mircophone Mafia mit ihr eine CD gegen Rechts aufnehmen wollen, ist die 85-Jährige zunächst nicht begeistert: “Was! Mafia? Ich möchte mit der Mafia nichts zu tun haben.” Doch schnell haben die beiden Jungs sie überzeugt und zusammen interpretieren sie jiddische Lieder, Friedenslieder und Protestsongs. Vielleicht kommen die beiden auch zu ihrer Geburtstagsfeier am 15. Dezember ins Stavenhagenhaus. Ihr größter Wunsch zum 90.: “Dass keine Nazis mehr rumlaufen.”

Dass keine Nazis mehr rumlaufen, dieser Wunsch wurde ihr noch nicht erfüllt, es laufen von Jahr zu Jahr mehr herum. Andere Wünsche erfüllten sich, sie bekam zwei Kinder, gründete mit ihnen die Gruppe Conincidence, kandidierte 2017 zur Bundestagswahl für die DKP, erhielt unzählige Ehrungen und war immer eine wache Stimme gegen die Nazis. Zum Weiterlesen empfehle ich den Wikipedia-Artikel.

Auch hier wieder ein Aufruf an mein Netz – kommt bitte zahlreich. So viele Überlebende aus den Konzentrationslagern, die zudem auch noch immer mahnend den Finger auf den Nationalsozialismus legten, gibt es nicht mehr.

Was mich daran erinnert, dass ich den Artikel über Marko Feingold ja auch noch fertigschreiben wollte…

Und hier die Bilder von Harald Gaukel:

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