Mag. Simone Engländer
Mag. Simone Engländer

Inklusion in der Schule – Wie sinnvoll ist gemeinsames Lernen von Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen?

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Eine Diplomarbeitsstudie an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien untersuchte die Effekte einer inklusiven Schulerfahrung und analysierte nachhaltige Auswirkungen von inklusiven Bildungssettings auf das gegenseitige Verständnis.

Mag. Simone Engländer berichtet über ihre Forschungsergebnisse:


Aus meiner eigenen Schulzeit mit KlassenkollegInnen mit intellektueller Beeinträchtigung sind mir viele Erinnerungen geblieben. Jahre später kam ich unterstützt durch den Präsidenten der Lebenshilfe Österreich, Univ.-Prof. Dr. Germain Weber auf die Idee, zu untersuchen, welche Wirkung es auf Menschen ohne intellektuelle Beeinträchtigung hat, wenn sie zusammen mit Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung in die Schule gehen.

Da die Forschungsliteratur nahe legte, dass durch inklusive Schulerfahrungen Vorurteile abgebaut und soziale Kompetenzen aufgebaut werden, wählte ich dazu passend einige psychologische Merkmale für meine Untersuchung aus. Ich entschied mich für eine Untersuchung der Wirkung einer inklusiven Schulerfahrung auf die Einstellung gegenüber Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung. Außerdem sollten die Auswirkungen auf Empathie, Gutherzigkeit, Altruismus und Offenheit des Werte- und Normensystems (aufgeschlossenes, liberales und tolerantes Weltbild) erforscht werden.

Für die Studie wurden 92 Personen statistisch verglichen, zu einer Hälfte Personen mit inklusiver Schulerfahrung, zur anderen Hälfte Personen ohne inklusive Schulerfahrung. Diese Personen waren zwischen 18 und 35 Jahre alt und ihre Schulabschlüsse lagen im Schnitt 8 Jahre zurück. So konnten nachhaltige Effekte untersucht werden.

Die Vergleiche zeigten, dass Personen mit inklusiver Schulerfahrung eine positivere Einstellung gegenüber Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung haben. Beispielsweise zeigten sie mehr Wissen über die Fähigkeiten und Rechte von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung. Auch bewerteten sie möglichen Kontakt mit Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung positiver. Zudem gaben Personen mit inklusiver Schulerfahrung mehr altruistische Eigenschaften und ein offeneres Werte- und Normensystems an als Personen ohne inklusive Schulerfahrung. Sie beschrieben sich somit, verglichen mit Personen ohne inklusive Schulerfahrung, als großzügiger, hilfsbereiter und rücksichtsvoller sowie aufgeschlossener im Denken.

Außerdem zeigte sich eine Tendenz dafür, dass die Intensität der inklusiven Schulerfahrung eine Rolle spielt. Wenn die Befragten an einer Schule mit inklusivem Konzept und SchülerInnen mit intellektueller Beeinträchtigung in jeder Klasse waren (intensive inklusive Schulerfahrung), gaben sie eine positivere Einstellung sowie eine stärker ausgeprägte Gutherzigkeit an. Wenn sie eine Integrationsklasse an einer herkömmlichen Schule besucht hatten (weniger intensive inklusive Schulerfahrung), gaben sie niedrigere Werte an.

Die Ergebnisse meiner Studie legen nahe, dass es sich positiv auf Menschen auswirkt, wenn sie zusammen mit Menschen mit Beeinträchtigung in die Schule gehen. In daran anschließenden Untersuchungen, könnte beforscht werden, inwiefern das Elternhaus die vorgefundenen Ergebnisse mitbeeinflusst. Dazu müssten Personen vor und nach ihrer inklusiven Schulerfahrung befragt und mit Personen ohne inklusive Schulerfahrung verglichen werden. Zudem wäre es wichtig, die Wirkung inklusiver Erfahrungen auch in anderen Lebensbereichen, wie dem Kindergarten oder der Arbeit, weiter zu untersuchen.

Worauf zu achten ist, wenn SchülerInnen mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam unterrichtet werden, ist eine weitere bedeutende Frage für die Forschung. In einigen Ländern wie beispielsweise Südtirol und Finnland wird schulische Inklusion mit viel Erfolg umgesetzt. Individualisierte Lehrpläne, alternative Methoden des Lehrens und Lernens und eine durchgehende Schule bis zum Ende der 8. Schulstufe, sind dabei hilfreich.

Wie bedeutend Forschung im Bereich Inklusion ist, um negative Vorurteile abzubauen und Bewusstsein zu schaffen, beobachtete ich während meiner Studie. Obwohl es viel mehr Menschen ohne Kontakt zu Personen mit intellektueller Beeinträchtigung und entsprechend wenig Wissen zum Thema gibt, war es schwieriger, Personen ohne inklusive Schulerfahrung für meine Untersuchung zu gewinnen. Personen mit dieser Erfahrung waren deutlich leichter zum Mitmachen zu bewegen. Vielleicht, weil die gemeinsame Schulzeit einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Quelle: Engländer, S. (2015). Effekte einer inklusiven Schulerfahrung auf die Einstellung gegenüber Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung, auf die Empathie und auf ausgewählte Facetten der Persönlichkeit. Fakultät für Psychologie, Universität Wien, Wien.


Text in leichter Sprache:

Ich war gemeinsam mit Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung in der Schule.

Aus dieser Zeit habe ich viele Erinnerungen.

So entstand die Idee eine wissenschaftliche Untersuchung zum Thema zu machen.

Hierbei unterstützte mich Germain Weber.

Er ist Präsident der Lebenshilfe Österreich und Professor für Psychologie an der Universität Wien.

Für die Untersuchung wurden 92 Personen befragt.

Die Personen waren zwischen 18 und 35 Jahre alt.

Die Hälfte der Personen ist mit Menschen mit Beeinträchtigung in die Schule gegangen.

Die andere Hälfte ist nicht mit Menschen mit Beeinträchtigung in die Schule gegangen.

Die Antworten dieser zwei Gruppen wurden verglichen.

Die Vergleiche zeigten, dass eine gemeinsame Schulzeit mit Menschen mit Beeinträchtigung Vorteile hat.

Die Personen, die mit Menschen mit Beeinträchtigung an der Schule waren, dachten positiver über Menschen mit Beeinträchtigung.

Sie wussten auch mehr über Menschen mit Beeinträchtigung und über ihre Rechte.

Außerdem wollten sie mehr Kontakt zu Menschen mit Beeinträchtigung.

Sie waren auch hilfsbereiter, großzügiger, rücksichtsvoller und aufgeschlossener.

Diese Vorteile waren noch deutlicher, wenn in jeder Klasse der Schule auch Menschen mit Beeinträchtigung waren.

Diese Schulen nennt man Schulen mit inklusivem Schulkonzept.

Wenn es kein inklusives Schulkonzept gab sondern nur eine Integrationsklasse, waren die Vorteile geringer.

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen die Vorteile einer gemeinsamen Schule für alle.

Welchen Einfluss die Eltern auf diese Ergebnisse haben, könnte in Zukunft untersucht werden.

Außerdem könnten man weitere Untersuchungen im Kindergarten oder am Arbeitsplatz machen.

Wie guter Unterricht an einer gemeinsamen Schule für alle aussieht, sollte auch weiter untersucht werden.

Südtirol und Finnland haben eine Schule für alle und sind große Vorbilder.

Weiter Forschung gegen negative Vorurteile ist wichtig.

Denn viele Menschen wissen wenig über das Thema und haben Berührungsängste.

Das zeigte sich auch bei der Befragung.

Personen, die nicht mit Menschen mit Beeinträchtigung an der Schule waren, haben seltener an der Befragung teilgenommen.

Dafür haben Personen, die mit Menschen mit Beeinträchtigung an der Schule waren, öfter an der Befragung teilgenommen.

Vielleicht, weil ihnen die gemeinsame Schulzeit in guter Erinnerung geblieben ist.

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