Pauleasca ist Europas Versagen: (1) Von Salzburgs Bettelnden zur Hölle der Roma in Rumänien

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Ein Gastbeitrag von meinem Freund Martin Borger (twitter, facebook, spö, blog ), erschienen bei fischundfleisch.com

Pauleasca ist Europas Versagen: Von Salzburgs Bettelnden zur Hölle der Roma in Rumänien

Spätestens seitdem die in der Stadt Salzburg in Person von Heinz Schaden den Bürgermeister stellende Sozialdemokratie nun in die Knie zu gehen scheint und ebenfalls ein zumindest teilweises, eventuell sektorelles absolutes Bettelverbot andenkt, sind die bettelnden Menschen in Salzburg wieder in aller Munde.

Salzburg und die Bettler-Paranoia

Begnügt sich die überwältigende teils wütende, teils schweigende, teils von fast hetzenden Medien und parteiischer Polizei aufgestachelte Mehrheit der SalzburgerInnen damit, von “organisierten Bettelbanden” und “mafiaartigen Strukturen” auszugehen und damit sich gegen jede Spende und Barmherzigkeit mit diesen Killerargumenten zu bewaffnen, sprechen Menschen, die die Zusammenhänge erkennen, von Notreisenden und ArmutsmigrantInnen.

Heute am 8. März ist “Internationaler Roma-Tag” und “Tag gegen Antiziganismus”. Wer nicht nur an diesem Tag möglichst wertschätzend auf bettelnde Notreisende selbst zugeht und mit engagierten Menschen, die sich in Salzburg in Notschlafstellen wie der von der Caritas betriebenen “Arche Nord” ehrenamtlich für Notreisende engagieren, spricht oder sich selbst dort engagiert, weiss und lernt schon deutlich mehr. Etwa, das 50% der Notreisenden Roma sind, von denen die Mehrzahl aus dem Dorf Pauleasca nahe der Industriestadt Pitești, im Kreis Argeș, 130 km nordwestlich von Bukarest, in Südrumänien stammen. Damit sind die Notreisenden ethnisch Roma, rechtlich jedenfalls aber allen EU-AusländerInnen wie Deutschen, Italienern absolut gleichgestellte RumänInnen. Ein Fakt, das sehr gerne ausgeblendet und verschleiert wird.

Antworten auf die Fragen, warum diese Notreisenden teils über Jahre ins reiche Salzburg kommen, was sie forttreibt und zwingt, hier im Winter in brutaler, lebensgefährlicher Kälte tagaus tagein meist regungslos auf ihrem zugewiesenen oder erkämpften Platz zu sitzen und fast immer stumm um etwas Geld zu bitten, findet man dort, wo sie herkommen und regelmäßig zurückkehren. Wer aber hofft, einfache Antworten oder gar etwas Hoffnung für ihre Lage oder Zukunft in dieser Herkunft und Hintergründen zu finden, wird bitter enttäuscht.

Von den Bettelnden zum Elend der Roma in Pauleasca

Pauleasca, das aus den Teilen Troislav, Tinca und Tufanu besteht, ist kein Dorf im eigentlichen Sinne, wie wir es kennen, es ist auf keiner Landkarte eingezeichnet, hat keine reguläre gut organisierte Verwaltung. Obwohl es zum Gebiet der Gemeinden Micesti und Malureni gehört, wollen die Bürgermeister dieser Kommunen nichts von ihren EinwohnerInnen, den Roma wissen. Wie viele Menschen genau in dieser dorfähnlichen Struktur leben ist gänzlich unklar, grobe Schätzungen sprechen von 4.000 Leuten. Keine reguläre Straße führt in die Teile des Ortes, Infrastruktur wie Sanitäranlagen, Abwasser, Arzt oder gar Krankenstation und Schule gibt es dort nicht. Augenzeugen berichten, dass sich das Leben am Bach abspielt, die Menschen haben sich großteils notdürftige Häuser gebaut aus Wellblech, zusammengezimmert und -gestrickt. Das ist lebensgefährlich, sind die Winter doch absolut vergleichbar hart und rauh wie bei uns.

Komplett alleingelassen, ja am liebsten abgeschoben und weggeschickt von den Verwaltungen der Gemeinden, ohne Chance auf irgendeine Anstellung, weil Roma grundsätzlich keine Jobs bekommen, ja man ihnen nicht einmal Waren verkauft mitunter, also massiv ausgegrenzt in dieser Form krasser Apartheid, vegetieren diese Menschen eher in Apathie und Resignation als dass das, was sie erfahren, Leben genannt werden könnte. In Gesprächen mit Menschen, die dort waren, ist die Einschätzung herauszuhören für mich, dass sie in teils in der von Generation zu Generation weitergegebenen Traumatisierung verharren, dass jegliche Kultur erloschen sei, ihnen sogar grundlegende Begriffe wie “glücklich – unglücklich” für ihre Situation oder ein Denken und Planen in Heute und Morgen fehlen. Den Menschen fehlt es nicht nur an Basis-Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen, die Fähigkeit zur Selbstorganisation ist teils völlig verlorengegangen, sagen Augenzeugen.

Mein persönliches Erleben in Salzburgs Notschlafstelle

Meine eigenen Erfahrungen in gut einem Dutzend Abend- und Nachtdiensten in der Notschlafstelle für diese Notreisenden “Arche Nord” deckt sich teilweise mit dieser Einschätzung, auch wenn es stark unterschiedlich war und wohl dort die noch gut Organisierten und Kompetenten anzutreffen sind. Die kindliche Freude, wenn sie etwas geschenkt bekommen. Die ungebremste Panik und Angst zu kurz zu kommen, wenn knappes Essen ausgegeben wird. Der Ansatz, einfach an Naturalien und Sachspenden zu nehmen was geschenkt wird, um es vielleicht doch irgendwie tauschen, wechseln zu können, mit irgendwem, irgendwann. Aber auch der Versuch, doch ein Stück Würde zurückzugewinnen im geschützten Bereich der Notschlafstelle, und unheimlich viel Disziplin, etwa wenn es darum geht, morgens rechtzeitig in ihre Arbeit – Betteln ist ihre Form von Arbeit – zu kommen, um doch etwas zu verdienen.

“Ungerechtigkeit an irgendeinem Ort bedroht die Gerechtigkeit an jedem anderen.” – Martin Luther King jun.

Diese Lebensumstände führen zumindest bei mir zu einem Aufschrei, zu Wut über soviel Elend am Rand von Europäische Union-Europa, verstärkt noch durch das Wissen, wie viel unfassbares Leid, tausendfachen Tod und Vernichtung, Vertreibung Roma und Sinti im Holocaust und III. Reich erleiden und erfahren mussten.

Failed State Rumänien und sein Apartheid-Regime

Doch meine erste, naheliegende, klare und fast wütende Forderung in der Diskussion nach einem Vortrag des Vereins Phurdo beim Malteser Hilfsdienst Salzburg, die Kommunen direkt und in nächster Instanz Bezirke und den Staat Rumänien in letzter Instanz in die Pflicht zu nehmen, führte in eine furchtbare Sackgasse. Die Kommunen, auf deren Gemeindegebiet Pauleasca liegt, fühlen sich nicht zuständig, der rumänische Staat ist in Agonie. Die Arbeitslosigkeit in Rumänien ist in unfassbaren Höhen, der Staat so gut wie bankrott, die Verwaltungen teils korrupt oder unfähig. Durch die so oft geänderten politischen Verhältnisse gibt es auch für das wenige Eigentum der Roma an Grund und Boden, Gebäuden noch immer keine Rechtssicherheit und klare Besitzverhältnisse. Rassismus und Antiziganismus mit Vorurteilen, Abscheu und offener Ausgrenzung, ja quasi die Apartheid gegen Roma und Sinti hat sich tief in die Gesellschaft gefressen über Jahrhunderte, und anders als bei uns gibt es keinerlei Umdenken bei der Schuldfrage für Verbrechen im II. Weltkrieg, gar Entschädigungen wie Opfer-Renten daraus.

Wenn Rumänien hier versagt und weiterhin seine Minderheiten wie in einem Apartheid-System behandelt ist es für mich klare Forderung, dass die Europäische Union hier massiv einzugreifen habe, damit Mindeststandards im Umgang mit Minderheiten eingehalten werden. Doch der politische Wille, diese Apartheid und damit krasse Verletzung von fundamentalen Grundrechten konsequent anzuprangern und mit schmerzhaften Sanktionen zu erzwingen, scheint deutlich zu fehlen bzw. verpufft.

Europäische Union – Was tust du da?

Wie uns der Botschafter des Malteserordens für Romafragen in Rumänien schilderte, ist die EU-Administration, zuoberst die EU-Kommission, gerade erst dabei zu begreifen, dass Hilfsgelder für Roma-Projekte direkt an den rumänischen Staat ohne Monitoring und Kontrollen umgeleitet, zweckentfremdet werden. Erste Projekte, wo die EU-Kommission Gelder direkt an NGOs die sich vor Ort engagieren gibt, seien im Werden, viel versprechend. So haben etwa Roma in Ungarn mithilfe einer NGO relativ erfolgreich eine Paprikaplantage eröffnet. Dass die Option, das NGOs konsequent Aufbauarbeit dort leisten, ein Weg wäre, ist mir selbst klar, doch der Gedanke, dass der Rumänische Staat sich dann hocherfreut noch mehr zurückzieht und sich begeistert aus der Verantwortung schleicht, der macht mir Bauchweh.

Hilfe zur Selbsthilfe – Irgendwann?

Der große Ausweg scheint mit dem Schlagwort “Hilfe zur Selbsthilfe” gefunden zu sein. Dieser Ansatz ist extrem wichtig, wertschätzend gegenüber den Geholfenen und, wenn diese Hilfe auf Augenhöhe erfolgt, auch fair und die Würde wahrend. Doch der Ausgangspunkt für diesen Weg ist bei Menschen, die über Generationen traumatisiert, ohne Perspektiven, kulturlos und komplett ausgegrenzt leben, extrem schwierig. Der Verein Phurdo will in einem Projekt eine Schule errichten, in einem alten, in einem gemauerten Gebäude untergebracht gewesenen Waisenhaus. Das ist für mich ein längerfristiges Projekt, das aber gerade die Jungen mobilisieren und ihrem Leben Struktur geben könnte. Parallel muss geprüft werden, ob das Gebiet, auf dem Teile des Dorfes stehen, überhaupt geologisch geeignet ist, um hier in Verbesserung der Häuser zu investieren, oder gar Absiedlung nötig sein wird.

Ein wirtschaftliches Auslangen über Eigenanbau von Gemüse usw. hinaus könnte gefunden werden, wenn die Roma wieder die Korbflechterei starten, worin sie in früheren Generationen ExpertInnen waren. Aktuell fehlt es aber an handwerklichem Können, an Absatzkanälen, an allem. Dass erste Abgänger der Roma-Schule von Pauleasca aber dann auch Jobs im umliegenden Nicht-Roma-Rumänien finden, das ist Grundbedingung für alles. Dieses himmelschreiende Unrecht an der Grenze zur Apartheid muss aufgebrochen, die Aufarbeitung der Schuld aus dem II. Weltkrieg gegen Roma und Sinti endlich massiv vorangetrieben und Wiedergutmachungen umgesetzt werden. Hier muss eine unbequeme, kritische Öffentlichkeit die EU-Behörden vor sich hertreiben und klare Forderungen und Ziele setzen, wenn PolitikerInnen nicht willens sind, hier Mindeststandards an Menschenrechten umzusetzen.

Bis aber all diese Initiativen, Schritte und Kämpfe ausgefochten und Gerechtigkeit hergestellt ist werden Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vergehen. Bis die Traumata, Apathie und Perspektivenlosigkeit aus den Herzen und Weltanschauungen der Betroffenen weitgehend überwunden und gebannt sind, wird es mehrere Generationen dauern. Bis dahin wird der reiche Teil Europas mit Notreisenden aus Rumänien und Pauleasca leben und ihnen helfen, auch in Salzburg.

Warum wir diesen Kampf führen müssen

Doch dieser Kampf muss von uns allen massiv und mit aller Kraft geführt werden, denn alles andere würde für mich glasklar bedeuten, dass wir als Europäische Union eine Form von Apartheid-Regime auf Europäischen Boden dulden. Und das wäre wohl das Ende des Friedensprojektes Europa auf lange Sicht, es wäre jedenfalls eine weitere Schande für den an Schande so reichen Friedensnobelpreisträger Europa, man denke nur an Frontex, Mare nostro und die Grenzsicherungsanlagen – zynischerweise ebenfalls auf rumänischem Boden.

Spenden an Notreisende bei uns oder möglichst direkte Hilfe durch NGOs vor Ort sind für mich sehr wichtig, doch sie sind nur Symptombehandlung und Placebos für eine tieferliegende Krankheit: das Krebsgeschwür Rassismus, Ausgrenzung und Apartheid, Gleichgültigkeit, Vorurteile, Hass in Rumänien selbst.

Lieber Martin, danke.

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