Lebenshilfe: Über zwei, die sich trauen

| Keine Kommentare

Ein Gastbeitrag von Barbara Prietl von der Lebenshilfe Graz und Umgebung – Voitsberg

Sexualität und Partnerschaft von Menschen mit Behinderung sind immer noch ein großes Tabu. Wer Menschenrechte ernst nimmt, bricht es – so wie Andreas, Diana und ihr Umfeld.

Zu Beginn dieser Geschichte steht der Wunsch einer Frau und eines Mannes zu heiraten. Sie lieben einander und wollen den Rest ihres Lebens gemeinsam verbringen. Das ist nicht ungewöhnlich. Besonders wird die Geschichte, wenn man erfährt, dass Diana W. und Andreas M. intellektuell beeinträchtigt sind und im Wohnhaus der Lebenshilfe in der Casalgasse leben. Dann wird klar, dass diese Geschichte mehr ist als eine gewöhnliche Liebesgeschichte. Es ist auch die Geschichte einer kleinen Revolution.

Wer sind die DarstellerInnen in dieser Geschichte?

Die Liebenden:
Diana und Andreas sind einander vor 20 Jahren zum ersten Mal begegnet, sie haben einander an ihrem Arbeitsplatz kennengelernt. Für sie war von Anfang an klar, dass sie zusammengehören. Zu heiraten war ein langgehegter Wunsch. Sie spürten aber, dass nicht nur sie, sondern auch ihr Umfeld für diesen Schritt bereit sein musste. Am 3. Mai diesen Jahres war es dann endlich so weit: Diana und Andreas haben sich getraut: es war kein Traumwetter, aber eine Traumhochzeit mit großen Emotionen und dem Gefühl der Selbstverständlichkeit.

Die Eltern:
Die Eltern von Diana sind schon länger tot. Die Mutter von Andreas war anfangs skeptisch – sie konnte es sich nicht vorstellen, wie die Hochzeit ablaufen würde, „und ob es von den Emotionen her stimmt“. Aber sie wurde positiv überrascht: „Es war sehr ergreifend und wunderschön“, sagt sie, und die Rührung und der Stolz in ihrer Stimme sind unüberhörbar.

Die BegleiterInnen:
Für die MitarbeiterInnen der Lebenshilfe war es eine Selbstverständlichkeit, den Wunsch der beiden ernst zu nehmen und sie bei der Umsetzung der Hochzeit Schritt für Schritt zu unterstützen.

Die Behörden:
Diana und Andreas wollten keine standesamtliche Trauung. Aber wenn sie eine gewollt hätten? Für Menschen mit Behinderungen, die einen Sachwalter haben, ist es sehr schwierig, standesamtlich zu heiraten; eine Heirat ist ein Vertrag mit weitreichenden Folgen, und bei Menschen mit Behinderungen muss im Einzelfall genau geprüft werden, ob die sogenannte „Ehefähigkeit“ gegeben ist. Was wäre gewesen, wenn die Liebesgeschichte von Diana und Andreas 30 Jahre vorher stattgefunden hätte? Es ist zu befürchten, dass die Liebe der beiden kein so glückliches Ende gefunden hätte. Wer mit älteren Menschen in Wohnhäusern und Tageswerkstätten spricht, bekommt eine Ahnung von verpassten Lebenschancen, von unwiederbringlich verlorenen Möglichkeiten und der Trauer darüber. Was aber macht es uns manchmal so schwer, über Liebe und Sexualität bei Menschen mit Behinderungen zu sprechen?

Die Liebe ist ein großes Gefühl und die Sexualität ist eine mächtige Lebensenergie. Mit beiden vernünftig und verantwortungsvoll umzugehen, ist für uns alle eine große Herausforderung. Für professionelle UnterstützerInnen und für Angehörige stellt sich immer wieder die Frage, wie sie Menschen mit Behinderungen bei diesen Lebensthemen gut begleiten können. Diana und Andreas finden es normal, dass sie ihre Liebe offen leben und dass sie geheiratet haben. Wie wird es sein, wenn eine Liebesgeschichte wie die von Diana und Andreas in weiteren zehn Jahren stattfindet? Wird es dann auch für uns normal sein, von glücklichen Liebesgeschichten zu hören und Heiratsanzeigen von Menschen mit Behinderungen zu lesen?

Dazu ein Interview mit Thomas Driessen, dem Geschäftsführer von alpha nova

Thomas-Driessen_300px
„Es ist völlig normal, verschieden zu sein“

Warum ist das Thema Partnerschaft und Behinderung immer noch so angstbesetzt?

Es gibt viele, die Menschen mit Behinderung einfach nicht zutrauen, in einer Beziehung für einen Partner oder eine Partnerin Verantwortung zu übernehmen. Am deutlichsten spürbar wird das immer noch bei den Themen Sexualität, Schwangerschaft und Kindererziehung.

alpha nova führt ja das Projekt „LIBIDA“ durch. Was ist das und wie wird es angenommen?

Ausgebildete und zertifizierte LIBIDA-SexualbegleiterInnen bieten unseren Kundinnen und Kunden die Möglichkeit, ihren Körper und ihre Sexualität auf vielfältige Weise lustvoll zu erleben. Dabei sind Grenzen, die von den Beteiligten gesetzt werden, selbstverständlich zu respektieren. Geschlechtsverkehr und Oralkontakt sind im Rahmen der Sexualbegleitung nicht möglich. Derzeit arbeiten 15 von alpha nova ausgebildete Sexualbegleiterinnen und Sexualbegleiter in nahezu ganz Österreich. Die Nachfrage nach Sexualbegleitung hat stetig zugenommen, 2013 gab es bereits 1.136 Begegnungen.

Sehen Sie eine Chance auf Gleichstellung auch in diesem Bereich?

Für viele schafft LIBIDA überhaupt die erste Möglichkeit für das Sammeln sexueller Erfahrungen. Damit haben wir noch lange keine Gleichstellung erzielt, aber immerhin einen ersten wichtigen Schritt in diese Richtung gesetzt.
Für eine wirklich umfassende Gleichstellung von Menschen mit Behinderung in allen Lebensbereichen braucht es aus meiner Sicht auch und vor allem ein wirklich inklusives Bildungssystem, in dem wir schon als Kind lernen, dass es völlig normal ist, verschieden zu sein. Davon sind wir aber leider noch weit entfernt …

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: